Mutter mit Kind

von Christine Rieck-Sonntag, Künstlerin, Evang. Religionspädagogin



Warum ich das Bild einer Mutter mit Kind Herausgesucht habe?

Der Marienmonat ist doch gerade vorbei. Ist es eine nachträgliche Erinnerung an das, was uns fehlt an Weiblichkeit im „evangelischen Himmel“? Wir beten nicht zur Maria, zur Muttergottes, haben in der Kirche keine Frauenfigur wie die Madonna im Strahlenkranz. Aber Mutter und Kind, das ist auch für uns ein Bild für Vertrauen und Geborgenheit. Ein Bild für Gottes Liebe - so wie alle Aussagen über Gott Bilder sind. Bilder, die meist tiefer in unsere Seele fallen als Worte und Sätze. Und das Mutter-Bild, es bleibt ein tiefes kindliches Sehnsuchtsbild in uns, ob wir die eigene Mutter so erlebt haben oder nicht.

 

Ein Kind auf dem Schoß der Mutter - wenn wir so gehalten sind, haben wir die Hände frei, auszugreifen in die Welt. Zu andern Kindern Gottes. Zur ganzen Schöpfung. Dann können wir hinüberfragen in andere Religionen „Was habt denn ihr für Gottesbilder?“ Sind das katholische? Oje, da sind sie schon wieder, meine Vorurteile, meine Grenzziehungen aus Angst, es sei zu wenig Platz auf diesem Mutter-Schoß, und ich könne herunterpurzeln. Aber hat nicht jede Mutter viele Namen? Die Nachbarin sagt nicht „Mama“ zu meiner Mutter, sie nennt sie Frau Braun, oder Gertraude. Und wenn ich sie frage nach dem Namen, mit dem sie Gott anredet, dann sagt sie vielleicht Allah. 


Und sie sagt es mit einer kleinen Pause im Wort. Al – lah. Denn in diesem Namen steckt Al, das bedeutet „ Alles“ und lah, das bedeutet „Nichts“ erklärte sie mir. Der Name umfasst also alles und auch noch das Gegenteil. Ich brauchte eine Weile um das zu verstehen, zu fassen, wie groß das gedacht ist. In Farben kenne ich es,  das Schwarz und das Weiß,  im Yin-Yang-Bild. Es ist ein großer, allumfassender Name. Theologisch würden wir sagen, „der das Gewesene, das Seiende und das Zukünftige umfasst“. Deshalb nehmen Juden gleich lieber ein Verb, ein Zeitwort. Andere Nachbarn sagen: „Mutter Erde“ – und meinen auch: Eine Kraft, die uns nährt, die uns hält, die uns so viel gegeben hat und immer wieder gibt. Etwas, was größer ist als mein Ich. Mutter Erde, die immer noch verlässlich Jahr für Jahr sprießen, wachsen und reifen lässt. Wieder andere sagen, sie brauchen gar kein Bild. Das kann ich mir nicht vorstellen, wir denken und reden ja in Bildern. Und ich merke, auch sie ringen um Wort-Bilder.

 

In solchen Bildern steckt ein Angenommensein, ohne Bedingung. Und aus der Freude darüber können wir wachsen. Laufen lernen, Schritte machen auf neuen Wegen, Entdeckungen machen. Hin zu den Nachbarn, rüber über Zäune, oder untendurch. Ent-decken, das heißt auf-decken, was da Gemeinsames ist, und schauen, was die anderen anderes haben. Andere Äpfel am Baum oder gar Kirschen? 

 

Mehr Sonne vielleicht und Wärme, wenn ich an Afrika denke, wo ich das Bild von Mary gemalt habe, das Titelbild dieses Gemeindebriefs. Sie hatte mehr Zeit als ich, musste sie haben: sie wartete geduldig schon seit dem Sonnenaufgang auf den Doktor, auf eine Augenuntersuchung bei der Christoffel-Blindenmission. Mir fiel ein, wie ungeduldig ich meine Arzttermine einfordere zuhause. Wenn ich über den Tellerrand schaue, sehe ich eben neben den Kirschen auch die aufgerissene Erde, die Dürre und die Heuschrecken, die die Felder leerfressen, ich sehe Hunger, Krieg und Flucht…

 

Was heißt dieser Spruch, dass Gott uns tröstet wie eine Mutter? Wie macht das denn die Mama? Sie hat ja nicht nur einen Trost-Blick, sondern auch zwei Hände. Wir hoffen, dass sie zupackt, wenn wir ausrutschen. Uns zurückholt, wenn wir in die falsche Richtung rennen. - Und uns doch alle Freiheit gibt?  Aus der gleichen Sprachwurzel wie „Trost“ kommt auch das englische Wort „truth“ und das heißt Wahrheit. Trösten meint also auch, uns in die Wahrheit setzen. Wenn ich hinfalle, wird die Mutter nicht sagen “Ach die böse Straße“ sondern „pass auf, hier ist es steinig, mach langsam“. Sie wird mich also ermuntern, die Füße besser zu heben und auf die Stolpersteine zu achten. Mahnen hat nichts zu tun mit strafen. Heißt trösten „in die Realität holen“? Den Blick wieder weit machen?

 

Können wir auch von Mutter Erde Mahnungen erkennen, hören wir sie? Und was tun wir damit?

 

Ich habe die Mütter in Afrika erlebt, wie sie die Kinder ihrer Wege krabbeln ließen, einfach sitzen blieben und warteten. Schon mit einem wachsamen Blick. Aber sie griffen kaum ein. Die Kleinen kamen zurück, heulend oder strahlend, hatten ihre Erfahrungen gemacht, hatten gelernt, waren umgekehrt.

 

Auch ich war von Afrika zurückgekehrt mit Erfahrungen, mit einem anderen Blick auf Realität, auf andere Wahrheiten.

 

Darf ich Sie fragen, was das Bild bei Ihnen auslöst? Mögen Sie mir ein paar Sätze schreiben? Kann es ein Bild sein für Gott?

Schreiben Sie an das Evang. Bildungswerk Landshut unter info@ebwlandshut.de oder nutzen Sie das Kontaktformular unter dem Text.

 

Im Herbst wird es einen Gottesdienst dazu geben. Mit dem Bild. Mit Ihren Briefen. Mit Ihren Fragen und Gedanken.

 

Christine Rieck-Sonntag

Evang. Religionspädagogin, Künstlerin