spaziergang mal anders ...


 

Viele Menschen nehmen sich jetzt mehr Zeit für lange Spaziergänge allein in der Natur. Spazieren gehen tut gut, ist gesund und - bringt uns auf andere Gedanken. - Wirklich? Bei mir funktioniert das nicht immer. Oft ertappe ich mich dabei, dass ich im Geiste ganz woanders bin, an Vergangenes denke oder an das, was nachher sein oder morgen kommen wird. Wahrscheinlich haben Sie es selbst auch schon erlebt, dass immer dann, wenn man besonders „achtsam“ durch die Natur gehen möchte, es geradezu eine Kunst ist, mit den Gedanken nicht abzuschweifen. Bitte ärgern Sie sich nicht darüber – es ist ganz normal! 

Ein kluger Mensch hat einmal gesagt, dass es die Natur des Geistes ist zu denken, so wie es die Natur des Ohres ist zu hören. Das hat mich sehr beeindruckt, denn es macht klar, dass sich das Denken genauso wenig abstellen lässt wie das Hören. Aber ich kann bewusst entscheiden, wohin ich meine Aufmerksamkeit lenke. Und das ist doch schon mal was!

 

Wenn ich also raus in die Natur gehe, formuliere ich still für mich die Absicht, jetzt für eine Weile meinen Alltag, meine Pläne und Sorgen zurück zu lassen. Damit es mir nicht so geht, wie Mark Twain, der einmal auf die Frage, ob er nicht gerne mal in Urlaub fahren wollte, antwortete: „Doch, gerne – wenn ich nur nicht diesen Burschen Mark Twain mitnehmen müsste“.


Das kenne ich auch, dass ich meine Alltagslasten überallhin mitschleppe. Immer geht mir etwas durch den Kopf, und anstatt zu hören, was um mich herum ist, höre ich dann meine eigenen Gedanken. WIRKLICH HÖREN kann ich erst, wenn ich innerlich auf „Empfang“ schalte. Damit das gelingt, braucht es zuerst die konkrete Absicht dazu und ein wenig Einstimmung. Wenn ich einfach los marschiere, machen die Gedanken, was sie wollen. 

  

Darum beginne ich meinen Spaziergang, indem ich erstmal stehen bleibe, kurz die Augen schließe und mir innerlich  sage, dass ich jetzt Zeit  habe, um alle meine Sinne zu öffnen und bewusst wahrzunehmen, was um mich herum ist. Wenn ich dann losgehe, hilft mir eine kleine Achtsamkeitsübung, Abstand von mir selbst und meinen Gedanken zu gewinnen. Ich möchte sie gerne mit Ihnen teilen. 

Kleine Achtsamkeitsübung beim Spazierengehen

Atmen Sie, während Sie die ersten Schritte auf Ihrem Weg machen, ein paarmal bewusst ein und aus und nehmen Sie dabei wahr, wie die Luft, die Sie tief einatmen, jetzt gerade riecht. Nun „sammeln“ Sie mit Ihren Augen drei Dinge, die Ihnen im Gehen besonders auffallen, und benennen Sie sie im Geiste. Etwa so:

„Da ist eine besondere Baumwurzel, hier sehe ich einen kraftvollen Löwenzahn, da hüpft eine Amsel.“ Dann richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf die Geräusche, die jetzt an Ihr Ohr dringen und „sammeln“ wieder drei: vielleicht das Geräusch, das Ihre Schritte machen, einen Vogellaut rechts von Ihnen, eine andere Vogelmelodie auf der linken Seite. 

So gehen Sie eine Weile weiter: Immer abwechselnd bewusst schauen und drei neue Dinge wahrnehmen, dann wieder bewusst hören und lauschen auf drei Geräusche, die Sie jetzt gerade vernehmen. Wenn Ihnen dann bewusst wird, dass Sie ganz DA und Ihre Alltagsgedanken in den Hintergrund gerückt sind, dann lassen Sie ein tiefes Aufatmen kommen und atmen Sie wie mit einem langen Seufzer aus … 


 

Und nun gehen Sie so, als hätten Sie alle Zeit der Welt - nichts eilt, nichts drängt. Kommen Sie für eine Weile in eine wohltuende LANGSAMKEIT, indem Sie beginnen zu SCHLENDERN. Wann haben Sie sich eigentlich das letzte Mal Zeit genommen für MÜSSIGGANG? Ein altmodisches Wort, das aus unserer Sprache fast verschwunden und eine (Nicht-)Beschäftigung, die den meisten von uns irgendwie abhanden gekommen ist. Aber jetzt! Nur schlendern, atmen, schauen, lauschen – ohne Absicht ohne Ziel, ohne an die Zeit zu denken. So kann der Geist zur Ruhe kommen, so kann im Innern Frieden entstehen.  

Probieren Sie es einfach mal aus! Für mich hat solch ein Spaziergang etwas zutiefst Ordnendes, und ich fühle mich ausgeglichen und erfrischt an Körper und Geist, wenn ich zurück

in meinen Alltag komme.

  

Ihre Roswitha Schawilje