Gedanken zur Zeit:

Das Corona-Tagebuch

Von Verena Putzo-Kistner


Foto: Christine Vincon
Foto: Christine Vincon

Verena Putzo-Kistner ist Jahrgang 1957 und lebt seit mehr als 20 Jahren in Landshut. Sie arbeitet als Musiklehrerin und aktiv sowohl im Bündnis 90/Die Grünen als auch beim Verkehrsclub Deutschland VCD. Seit vielen Jahren leitet sie den Landshuter Frauenchor MissHarmonie. Für ihre verschiedenen Tätigkeiten schreibt sie immer wieder eigene Texte. 

 

Hier lesen Sie den ersten Teil ihres Corona-Tagebuchs mit dem Titel: So schnell ist alles anders…

 

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So schnell ist alles anders – Corona-Tagebuch 2020 - TEIL 1 -


Januar

Am letzten Samstag bin ich in Starnberg bei einem politischen Treffen. Der erste Corona- Fall in Deutschland ist genau dort in der Nähe, und es gruselt mich leicht. Die Fernsehbilder aus China betreffen mich ja nicht wirklich – noch nicht. Stattdessen buche ich endlich den Faschingsurlaub und bin stolz, wie ich alles unter einen Hut kriege: den Familienbesuch, das Singwochenende und ein paar Tage Thermalbad am Schwarzwaldrand. Der Winter ist

für mich damit in diesem Jahr ausgefallen, was soll‘s, der Klimawandel gilt auch für mich.

 

Ende Februar

Zurück aus den Ferien. Die Corona-Nachrichten kommen räumlich näher. Ich bin beruhigt: Ein Schwimmbad gilt noch nicht als Ansteckungsgefahr. Im Wasser ist ja Chlor. Wurde da nicht irgendwo ein Faschingszug abgesagt? Aber nicht in Calw, wo ich zufällig bei so einer alemannisch-lauten Winteraustreiberei gelandet bin. Im Zug auf der Hinfahrt nach Stuttgart war es voll. Der Gedanke war noch richtig unwirklich: Was ist, wenn in dem Zug jemand das hat und ich weiß es nicht? Quatsch. Mehr haben mich die paar Minuten Verspätung und der verpasste Anschlusszug aufgeregt.



Anfang März

Nachrichten von ersten Schulschließungen, Toten in Italien und der Verbreitung in Tirol. Die alltägliche Routine immer mehr auf Abruf. Kommt das Ganze jetzt zu uns? Wirklich? Die Schule kann von heute auf morgen geschlossen werden, wenn es einen Kontaktfall gibt. Beim Unterrichten mache ich mir schon Gedanken über meine Nähe zu den Schülern, wenn ich beim Keyboardspielen helfe. Im Kino grüße ich ohne Handschlag und überlege, ob mein Gegenüber das jetzt komisch findet – geredet wird darüber noch nicht.

Samstag 7. März

Der Probentag mit dem Chor läuft super, alles im Prinzip nach Plan. Eine Sängerin fehlt – sie war im Urlaub in Südtirol. Nur eine private Info, es wird nicht im großen Kreis darüber geredet. Die  Nachrichten bereiten uns eigentlich schon vor, dass es ein Wettlauf mit der Zeit ist: Der 22.März, der Tag des Auftritts, das 20-jährige Chorjubiläum rückt näher. Kann es stattfinden? Nächste Probe am Donnerstag?



Sonntag 8. März

Glückwünsche zum Internationalen Frauentag. Die Sonne scheint. Soll ich mich bei dem Wetter am Nachmittag in einen Veranstaltungssaal setzen und ein Kabarett anschauen? Im

letzten Moment entschließe ich mich dafür und weiß noch nicht, dass dies vorerst die letzte Gelegenheit für so etwas ist.

Montag 9. März

Es wird empfohlen, keine Veranstaltung mit mehr als 1000 Teilnehmern stattfinden zu lassen. Wir, der Chor, hoffen auf 150 bis 200 Zuschauer. Ob die wirklich kommen? Bei der Planung soll die Belüftungssituation mit berücksichtigt werden. Im Landshuter Salzstadel gibt es so etwas nicht, kein Fenster, keine Lüftung. Nur Kuschelatmosphäre. Am Nachmittag kaufe ich das Bahnticket für eine politische Tagung in Berlin Ende März und versichere mich, dass ich das Ticket auch wieder stornieren kann.

Am Abend Arbeitstreffen zur Planung von Fahrrad-Aktionen im ganzen Jahr. Überschaubare Teilnehmerzahl im Freien. Wer ist wann verantwortlich? Werbung wird schon am Freitag bei der Demo der Fridays for Future gemacht. Alles klar – bis dann.



Dienstag 10. März

Am Morgen heißt es noch online: die Podiumsdiskussion der OB-Kandidaten findet statt – sind ja höchstens 200 Personen. Am Nachmittag noch ein Arbeitstreffen zum Thema „zu Fuß zur Schule“. Eine Mail am frühen Abend: die Podiumsdiskussion fällt doch aus, genauso wie der Wahlkampfabschluss der Grünen am nächsten Tag. Am Abend Singtreffen mit Freunden: Das übliche Umarmen entfällt ersatzlos. Stattdessen Lachen über den angeblichen Selbsttest mit Luftanhalten und Staunen über den

Arbeitsauftrag des Ministeriums an den Hochschulprofessor unter den Sängern: Späterer Semesterbeginn, keine Stunde darf ausfallen, am besten machen Sie alles online.

Mittwoch 11. März

Schon vor 6 Uhr bin ich wach. Für Donnerstag ist der Schulausflug zur Probe der Münchner Philharmoniker geplant, ein besonderes Erlebnis auf den Plätzen direkt über dem Orchester. Der Bus ist gebucht, das Geld eingesammelt, die Bibliotheksralley als

Nachmittagsprogramm vorbereitet. Das Konzert wurde am Dienstagnachmittag abgesagt, wird dann überhaupt geprobt? Lange geht niemand ans Telefon, dann kommt die

Absagemail, ein kurzes Telefongespräch: ein Alternativprogramm ist nicht möglich. Ja klar, so einen Fall hatte noch niemand. Soll ich stattdessen irgendwohin zum Wandern fahren? Am nächsten Tag? Was sagt die Schulleitung? Bus absagen, fragen, ob finanzielle

Forderungen bestehen.

Das Busunternehmen ist kulant. Info an Lehrer und Schülerinnen: am Morgen Unterricht nach Stundenplan.

Per Zufall adhoc eine andere Idee: Das Junge Orchester M18 darf nicht im Rathausprunksaal auftreten, stattdessen auch um 11 Uhr im Hotelsaal.Das wäre ein tolles Ersatzprogramm! Könnten wir dort hin? Info im Lauf des Nachmittags, das Handy immer

griffbereit. Um 18 Uhr: ja, es ist sicher noch genügend Platz. Absprache mit der Schulleitung am privaten Telefon: eine tolle Möglichkeit – aber jetzt? So spontan? Mit zwei Klassen gleichzeitig? Nein – lieber Unterricht nach Stundenplan.

Parallel dazu der Salzstadel. Der Krisenstab der Stadt tagt. Auskünfte sind noch nicht möglich. Der Rathausprunksaal hat eine Lüftung und ist gesperrt, der kleinere Salzstadel noch nicht. Ich sage wegen der fehlenden Lüftung trotzdem ab. Einen größeren Raum könnte ich selber suchen. Die Situation kann sich stündlich ändern. Zumindest keine Stornogebühr. In der WhatsApp-Chorgruppe schon die ersten Fragen, Links und dem Witz,

dass 1000 Zuschauer ja toll wären, aber uns betrifft das ja nicht.

Wir verschieben – wohin? In den Mai? In den Herbst? Bis zum Frauentag 2021? Egal. Bis nach Ostern auch keine Chorprobe. Alle haben Verständnis und sind froh über die Klarheit. Ich auch.

Am Abend bin ich dann beim offiziell nichtöffentlichen Essen mit den Grünen. Der Wirt soll wenigstens einen Teil der geplanten Einnahmen haben. Mein vorläufig letzter Besuch in einer Wirtschaft.



Donnerstag 12. März

Bitte um Verständnis bei den Kolleginnen, weil die endgültige Absage so kurzfristig war. Unterricht nach Stundenplan. Theorie zu den Tonarten Teil 2, dann könnt Ihr theoretisch das ganze Keyboardbuch durchspielen. Ich weise auf die Möglichkeit der Schulschließung hin. Alle bemühen sich. Ich beobachte meine eigene nahe Art, die Schülerinnen zu unterstützen, damit sie alles richtig machen. Mich beschleicht schon das Gefühl, dass das

eigentlich nicht mehr geht. Im Lehrerzimmer gibt es kein anderes Thema, ich erfahre vom NDR-Podcast mit dem Virologen Christian Drosten. Von vielen wird schon mit der baldigen Schulschließung

gerechnet, obwohl es nur einen eventuellen Kontakt-Fall an der Schule gibt. Ein freier Donnerstagabend – keine Chorprobe. Ich überlege ins Fitnessstudio zu gehen, aber übersehe die Zeit. Vielleicht morgen.

Freitag 13. März

Ausnahmsweise schon in der 1.Stunde Unterricht, Aufführung des Schultheaters, ca. 200 Schülerinnen und Schüler in der Aula. Vor dem Beginn die Ankündigung, dass es später eine Durchsage gibt, in der es um eine eventuelle Schulschließung geht. Dass die Zeit

genützt werden soll. Ich sitze neben einer Kollegin, die von ihrem Mann erzählt, der vor Kurzem wegen seiner Lunge im Krankenhaus war. Sie bräuchte dieses Virus jetzt nicht. Etwas später niese ich aus Versehen in meine Hand. In der letzten Doppelstunde Vertretung in der Abschlussklasse.

Eine Woche zuvor haben wir noch gesungen: What shall we do with the drunken sailor. Mein Vorschlag für neue Strophen: Was kann ich tun in den nächsten Wochen – wenn die Schule ausfällt. Die Schülerinnen haben tolle Ideen: Schuhe kaufen, Essen gehen … und natürlich ausschlafen.

 

Am Nachmittag wird es im Online-Schulportal schon die E-Mail-Adressen von allen geben. Die Grünen-Tagung wird abgesagt. Ich kriege von der Bahn einen Gutschein ohne Storno- Gebühr. Ich bin mit dem Fahrrad-Anhänger zum Wertstoffhof und ins Gartencenter

unterwegs. Die sind geöffnet. Bleiben die offen? Der Gegenwind ist kalt. Ich spüre meine Lunge. Meine Nase läuft – wie eigentlich immer. Ich treffe eine Freundin, die vor der geschlossenen Sauna stand und jetzt aus Frust zum Shoppen geht.

 

Am Abend gehe ich wieder nicht ins Fitnessstudio, auch wenn mir die Gymnastik und die Sauna danach immer so gut tut. Die Schule ist geschlossen worden! Nicht einfach so. Mein Mann hat Vorerkrankungen und ist damit Risiko-Person. Wenn ich es schon habe, hat mein Mann es auch. Am Nachmittag habe ich meine Lunge gespürt. Ich bin kein Hygiene-Freak. Die Grippe-Welle geht jedes Jahr an mir vorbei. An eine Impfung für mich habe ich noch nie gedacht. Meine Devise als frühere Pfadfinderin: Ein Pfund Dreck im Jahr stärkt die Abwehrkräfte. Schließlich gehe ich regelmäßig in die Sauna. Aber all das ist im Moment sichtlich nicht angesagt.



Samstag 14. März

Einkauf am Marktstand. Die Stadt ist noch gut gefüllt, auch die Restaurants haben noch Normalbetrieb. Mir kommt das schon ganz merkwürdig vor. Die Ruhe vor dem Sturm – nur umgekehrt. Meine Gefühlslage ist davon dominiert, dass die Schule geschlossen worden ist, es keinen Kommunalwahl-Infostand mehr gibt. Nur die AFD zeigt noch Präsenz: Ich radle an einer Reihe von Männern und einer Frau mit sehr roten Lippen und einem Dosengetränk vorbei. 

 

E-mails schließen mittlerweile grundsätzlich mit der Grußformel „Bleibt gesund“. Komisch, Angst um meine eigene Gesundheit habe ich eigentlich nicht. Noch nicht? Das ist jetzt egal,

mein Mann ist wirklich Risiko-Person, das erspart mir weitere solche Gedanken. Überhaupt bin ich mittlerweile um jede Entscheidung froh, die mir abgenommen wird. Würde mir ein

 

verpflichtender Putzplan helfen?

Sonntag 15. März

Der Musikgottesdienst mit Liedern von Beethoven findet nicht statt. Die Kirche hätte eigentlich genug Platz geboten, Abstand zu halten. Am Samstag haben sich die Ankündigungen bzw. Absagen schon ständig überboten. Verantwortung in jeglicher Hinsicht ist angesagt. Übertrieben? Notwendig? Auch meine Gefühlslage ändert sich stündlich. Angst? Wovor? Ein bisschen Husten? Aber mein Mann ist Risiko-Person. In den Nachrichten werden die Ausgangsbeschränkungen in Österreich angekündigt. Mir

wird langsam mau. Das Schlimmste wäre, eingesperrt zu sein. Zum Glück keine Atom- oder Chemiewolke. Ich starte nach einem guten Frühstück ins Wahllokal und zu einer Radltour, einen persönlichen Stift und Proviant im Gepäck, obwohl es vermutlich noch ein offenes Restaurant gibt. Sonne und kalter Wind, egal. Ich spüre wieder meine Lunge. Am Abend werde ich dann was Schönes kochen. Nicht ins Theater oder Konzert, alles ist abgesagt.

Zur privaten Wahlparty gehe ich nicht. Mein Mann ist Risiko-Person. Stattdessen Kommunalwahl am Computer, zwischendrin Fernsehen, bis spät in die Nacht.



Montag 16. März

Vormittags ist der Enkel da. Abstand halten – vor wem? Opa ist Risiko-Person, Oma kann Mathe erklären. Viren auf Türklinken, dauerndes Händewaschen? Wenn, dann haben wir es sowieso schon alle. Desinfektionsmittel? Nur als Minispray zur Wundversorgung. Plötzlich einen Putzfimmel entwickeln? Nicht mit mir! Radlfahren, wenn die Sonne scheint. Mittagessen zu viert, wenn Mama von der Arbeit wieder da ist. Muss das Geschäft

geschlossen werden? Online läuft weiter. Whats-App mit lustigen Videos, Infos und Fake-News …

Dienstag 17. März

Vormittags ist der Enkel da. Mathe, Englisch, wie geht das nochmal? Ist alles so lange her. Ich putze keine Türklinken, wir essen zu viert. Einkaufen wie immer. Klopapier gibt‘s nicht. Brauchen wir auch erst mal nicht. Konserven haben wir auch genug, schließlich koche ich meistens frisch.

E-Mail an die Schülerinnen mit einem zusätzlichen Hinweisblatt, schließlich fehlt mein Unterricht. Eine Adresse stimmt nicht.

 

Abends Fernsehen, Tagesthemen, Talkshows …



Mittwoch, 18. März

Vormittags ist der Enkel da. Verschiedene Aufgaben, Mathe erklären, Englisch überprüfen, stimmt das Endungs-s?

Anruf bei der Schülerin mit der falschen Adresse. Eine verschlafene Stimme berichtet mir, dass sie die Mail von einer Mitschülerin bekommen hat. Wir essen zu viert. Schließlich habe ich genug Zeit zum Kochen. Einkaufen fast wie immer. Ich kaufe Nudeln, weil es welche gibt. Eigentlich haben wir genug Nudeln. Klopapier gibt‘s nicht. Brauchen wir auch erst mal nicht. Ich kaufe gründlicher ein wie sonst, schließlich soll ich nicht mehr so oft Einkaufen gehen.

Ich bin eigentlich selbst auch Risiko-Person als Oma. Ich fühle mich allerdings nicht so. 

 

Täglich höre ich den Podcast mit Christian Drosten, sachliche Informationen helfen mir am besten, vor allem die, dass das Virus nur länger überlebt, wenn Feuchtigkeit da ist. Für diese Erkenntnis bin ich echt dankbar, weil sie mich in hygienischer Hinsicht gut schlafen lässt.

Donnerstag 19. März

Heute wäre um 8.10 Uhr Schule gewesen. Stattdessen ist der Enkel da. Und die Aufgaben.

Nachmittags mache ich mit einer Freundin eine Radtour zu zweit. Wir sitzen auf der Parkbank weit auseinander. Wir sehen Gruppen beim Ballspielen und Rumsitzen. Bis nächste Woche, das machen wir wieder. Ich bin mir nicht sicher, aber egal.

 

Auf jeden Fall haben wir Telefon, Internet, Fernsehen ….



Freitag 20. März

Heute ist der Enkel zum letzten Mal da. Mama ist jetzt dann auf Kurzarbeit. Wir machen eine Wanderung mit Mittagspause auf einer Bank. Nächste Woche fange ich mit dem Frühjahrsputz an.

Und morgen sortiere ich endlich ein paar Ordner, wollte ich schon lange. Mittags dann die Ankündigung, dass die Baumärkte am Samstag nicht mehr öffnen dürfen. Wir brauchen noch Fischfutter und Ersatzschwämme für den Filter. Um 14.30 Uhr muss ich nur 5 Minuten anstehen, 150 Leute dürfen gleichzeitig in den

Markt. Fischfutter haben sie nicht, Schwämme müssten bestellt werden. Dann bestellen wir eben im Internet. Normalerweise bestelle ich so gut wie nie im Internet. Aber jetzt? Ein Segen wie die Medien. Am Abend wird mir von stundenlangem Anstehen beim Baumarkt erzählt.

 

Samstag 21. März

Jeden Morgen einmal ins Schulportal, das in diesem Schuljahr eingeführt wurde, tägliche Lehrerkonferenz light. Freiwillige als Ersatzpersonen für das Gesundheitsamt werden gesucht, möglichst Vollzeit. Ich überlege nicht lange, das wäre was, auch wenn ich nicht Vollzeit bin. Ich habe Zeit. Alles andere, was ich so mache, interessiert im Moment sowieso niemanden, ist nicht systemrelevant und am nächsten Tag sowieso überholt. Läuft

vermutlich auf eine Tätigkeit am Telefon raus. Ich bin erleichtert. Bislang ist mir nämlich noch nichts wirklich Sinnvolles eingefallen, wie oder wo ich helfen könnte. Schließlich ist mein Mann Risiko-Person. 

Ganz stolz kann ich das jetzt in WhatsApp schreiben: Ich bin jetzt Reserve für das Gesundheitsamt. Obwohl ich bekanntermaßen kein Hygienefreak bin. Das Tränen-Lach- Emoji hilft auch. Lachen hilft immer. Ich setze auf lange Telefongespräche, jedes dauert ungefähr eine Stunde. In jedem kommt Klopapier vor, niemand outet sich als Sammler, es gibt höchstens die Rechtfertigung, mangels Alternative das Vierlagige mit Blümchen genommen zu haben.

Erstaunt höre ich, dass Menschen in meinem Alter schon länger Desinfektionsspray benutzen – wegen der Grippe. Was, du bist nicht geimpft? Nein, bin ich nicht. Und jetzt brauche ich das auch nicht mehr. Am Nachmittag immer noch keine Antwort wegen dem Gesundheitsamt – logisch, Wochenende, Meldeschluss erst Montag 12 Uhr. Einkaufen auf Abstand. Es ist gespenstisch ruhig. Ich übersehe einen Streifen am Boden und werde gleich angeraunzt. O.k., ich freue mich, dass ich an der Fleischtheke ohne

Warten bedient werde. Die Ware ist zwar vermutlich aus Massentierhaltung, aber der Wochenmarkt wurde kurzfristig dann doch abgesagt und ich will am Sonntagabend was Schönes kochen. Auf dem Heimweg gehe ich in die offene Kirche. Halte für mich selbst eine kurze Andacht. Bin dankbar für meine privilegierte Situation in diesem Staat, das Haus, den Garten und die

nahe Landschaft. Noch mehr Telefongespräche. Bleibt gesund.



Sonntag 22. März

Spazierengehen alleine ist ein triftiger Grund, das Haus zu verlassen. Wir wohnen nah am Stadtrand und ich nenne das jetzt: Alleine-Wandern-ohne-ÖPNV. Mehr als 3 Stunden genieße ich die Sonne und den kalten Wind. Beim Gehen spüre ich meine Lunge nicht. Ich habe Stöcke dabei, damit es sportlich aussieht und meine Rückenmuskeln mehr gefordert werden. Einen Polizisten sehe ich nicht. Jemand sendet einen Link zu einer Hörfunk-Predigt, die ich mir sofort anhöre. Sie spricht mir von vorne bis hinten aus der Seele, weil sie alle Menschen auf der ganzen Welt mit

einschließt.

Heute wäre unsere Chorveranstaltung gewesen. Beginn 17 Uhr mit dem Frauentagslied „Brot und Rosen“. Musiker verabreden sich per Whats-App um 18 Uhr zu „Freude schöner Götterfunken“. Mein Mann findet das kitschig, ich eigentlich auch, aber die Medien sind

doch derzeit so ein Segen. Gemeinschaft empfinden. Eine Chorfrau schlägt für 17 Uhr unser Chorlied vor, mit akademischen 2 Minuten gebe ich nach erstem Zögern per Whats- App den Einsatz. Um 18 Uhr spiele ich ein wenig Klavier, das Lied habe ich mit Schülern

früher schon zu oft geübt, als dass mir das selbst noch Freude bereiten würde. Aber ich mache mit, höre in der Nachbarschaft auch welche, ein bisschen Applaus aus der anderen Richtung. Doch ein wenig kitschige Freude. Ich stelle mir einen italienischen Hinterhof vor: größere Gemeinschaft, aber auch weniger Platz. Ich weiß nicht, was derzeit besser ist und eigentlich ist das auch egal. Es gibt genügend Leute, die nicht mal ein eigenes Zimmer

haben.

Montag 23. März

Morgens verabrede ich mich zu Telefongesprächen. Dann rufen alle gleichzeitig an, auch der Schulleiter wegen dem Gesundheitsamt. Ich schaffe es nicht, ein ausgefülltes PDF-Formular zurückzusenden. Der Chef fügt persönlich meine Daten ein und bedankt sich für meine Bereitschaft. Ich erfahre, dass sich auch eine Reihe Kollegen, die durchaus mehr beschäftigt sind als ich, gemeldet haben. Telefongespräche. Witze über Klopapier werden langsam langweilig. Auch ich kann mal mit dem Hund gehen. Gründliches Einkaufen mit Fahrrad-Anhänger, Getränkekisten, es gibt auch noch ein Paket Blumenerde, obwohl die Baumärkte jetzt zu sind. Die rettende Idee wegen der Türklinken: Ich lasse meine dünnen Handschuhe im Supermarkt an und zeige aller Welt, dass ich mir Gedanken über Hygiene mache, muss aber keine Einmalhandschuhe anziehen. Zuhause lasse ich sie im Fahrradkorb auslüften. Ich bin richtig stolz auf meine Idee, brauche keine Türklinken putzen und kann in hygienischer Hinsicht gut schlafen. Schließlich ist mein Mann Risiko-Person.

 

Wenn ich an den ganzen Hygienemüll denke, wird mir sowieso anders.



Dienstag 24. März

Wenn ich Zeitung lese oder Talkshows sehe, wird mir sowieso ganz anders. Dass der ganze Spuk nicht einfach so nach den Osterferien vorbei sein würde, war mir schon bei der eigenen Veranstaltungsabsage klar. Ein sinnvoller Ersatztermin ist mir nämlich schon zu diesem Zeitpunkt nicht eingefallen. Wann war das nochmal? Vor knapp zwei Wochen.  

Ich telefoniere mit der Freundin, mit der ich immer wieder mal längere Spaziergänge mache. Das ist kein triftiger Grund und in Bayern jetzt offiziell verboten. Wir müssen also keine Entscheidung treffen und telefonieren länger als sonst. Ich gehe mit dem Hund und denke an die Kinder, die in Italien, Frankreich und Spanien von

der richtigen Ausgangssperre betroffen sind, die in dicht besiedelten Städten wohnen und keinen Ausgleich in 3 Stunden Alleine-Wandern-ohne-ÖPNV haben.

Ich warte auf eine Nachricht vom Gesundheitsamt. Ich telefoniere mit der Freundin, deren Sekretärin hygienisch am Durchdrehen ist. Ich erzähle von dem Podcast mit Christian Drosten und meiner tollen Handschuh-Idee. Ich solle doch politisch was machen, jetzt, wo sichtbar ist, was wir alles nicht brauchen, was wirklich wichtig ist im Leben. Bloß wie? Welches Format gibt es da für mich? Ich sammle meine Gedanken. Gegen Abend fällt mir das Format Tagebuch ein. Ich beginne meine Erinnerungen

aufzuschreiben und brauche lange kein Abendessen. Ich kann endlich wieder vertieft was tun, was nicht am nächsten Tag schon wieder überholt ist oder derzeit wirklich niemanden interessiert.

Mittwoch 25. März

Morgens denke ich an die Freundin in den USA, die lebt wenigstens nicht in New York. Ich stelle mir vor, in einem Hochhaus gefangen zu sein und mir wird ganz ganz anders. Auf dem Handy sehe ich, dass sich die Freundin mittlerweile von selbst gemeldet hat. Ich plane einen Whats-App-Anruf, schreiben geht da nicht mehr. Die E-Mails werden weniger. Mittlerweile ist alles geordnet abgesagt. Teilweise wird bereits der übliche Kleinkram abgearbeitet. Ich lese mehrere Zeitungen und bin dankbar für jede sachliche Information. Leider klingen die Berichte aus den ärmeren Ländern immer bedrohlicher und ich mag gar nicht jeden

Artikel lesen, weil mir da noch mehr anders wird. Wie zynisch, Hygieneregeln in Slums rauszugeben, in denen es kein fließendes Wasser gibt. Und ich habe immer noch nicht mit dem Frühjahrsputz angefangen.



Donnerstag 26. März

In der Zeitung steht, dass sich reichlich Lehrer als Reserve für das Gesundheitsamt gemeldet haben und wie anerkennenswert das doch neben der Tätigkeit mit Online-Unterricht sei. Ich warte nicht mehr auf eine baldige Nachricht vom Gesundheitsamt, sondern gehe länger mit dem Hund. Ich denke an die Unterschiedlichkeit der Menschen. Es gibt alte Menschen, die sich nichts

denken und auf jeden Fall selbst einkaufen wollen. Andere fürchten sich schon vor einem Spaziergang im Park oder denken gar, das sei auch verboten. Es fällt mir immer wieder schwer, klare Gedanken zu fassen, weil alles so verrückt ist: Es ist so einfach, eine Bundesstraße zu überqueren, die relative Ruhe, die gute Luft. Kann das nicht so bleiben?

Ich denke an die Altenheime in Spanien, die vom Pflegepersonal verlassen wurden. Überhaupt die Altenheime. Es gibt ja Alte, die gar nicht mehr leben wollen. Aber so? Kein Besuch mehr? Nur noch Pflegepersonal mit Mundschutz – wenn es den überhaupt gibt. Besuch bei Sterbenden ist unter der alpenländischen Ausgangsbeschränkung zumindest ein triftiger Grund. Mich gruselt. Ich denke an die letzte Mittagspause im Lehrerzimmer, in der eine Kollegin einen Schüler mit der Meinung zitierte, dass sich das Problem mit der Rentenfinanzierung jetzt ja wohl von alleine lösen würde.

Freitag 27. März

Wochenmarkt mit neuen Hygienebestimmungen. Der Aufbau der Stände ist weitläufig. Diszipliniertes Schlangestehen, Abstand halten, Schilder, Absperrketten, Gruppenbildung verboten. Ich schaue zu, wie sich eine hinzukommende Verkäuferin hinter dem

Plastikfenster die Hände gründlich desinfiziert, sich anschließend die Einmalhandschuhe überzieht und dann in Plastikfolie eingepackte Butter in ein Papier wickelt. Die Arbeitsabläufe sind getrennt, es gibt eigene Leute zum Kassieren.

An einem Olivenstand gibt es erstmals Pfandgläser, mitgebrachte Plastikdosen haben hier nichts mehr zu suchen. Im Supermarkt habe ich am Vortag noch Einkaufsnetze für Gemüse gesehen. Der Bäcker zeigt mir seine Pusteln unter den Handschuhen – vom Desinfektionsmittel – und schenkt mir noch ein abgebrochenes Stangerl zum Einkauf.Am Gemüsestand gibt es keine Selbstbedienung mehr. Einzelne Leute unterhalten sich auf Abstand, ein Polizeiauto fährt vorbei. Bleiben Sie gesund.

Es gibt schon Leute mit Masken oder hochgezogenen Rundschals. Gesichtsmasken waren Thema in der gestrigen Talkshow. Maskenpflicht für die ganze Bevölkerung? Leider derzeit

ein Beschaffungsproblem. Ich komme mir auf der Straße vor wie beim Zahnarzt, diese Angeber! Wo haben die die überhaupt her? Sind das alles Piercer auf Kurzarbeit? Mit den Rundschals kann ich mithalten, besitze schon lange welche, weil sie so praktisch

sind. Was kosten solche jetzt im Internet? In den Zeitungen waren schon Berichte über Leute, die Masken selber nähen.

Auf der Heimfahrt überlege ich, wie das mit den desinfizierten Händen unter den Handschuhen ist. Würde da nicht eines von beiden reichen? Dann wird mir klar: der Salat muss vor dem Desinfektionsmittel geschützt werden. Ich denke an die Viren in meinem Haushalt, die ich im Normalfall und auch jetzt

auszutrocknen versuche. Dann denke ich an das feindliche Virus draußen, das ich mit Seife und Desinfektionsmittel auf Abstand halten soll. Mein Mann ist schließlich Risiko-Person.

Mit dem Frühjahrsputz habe ich immer noch nicht angefangen. Andere sind schon längst fertig. Vielleicht fangen manche schon wieder von vorne an. Ich bin stattdessen Reserve für das Gesundheitsamt. Zum Glück gibt es auch noch den Doppel-Tränen-Lach-Emoji mit Seitendrall.



Samstag 28. März

Morgens muss ich schon gründlich überlegen, was heute für ein Tag ist. Ich schaue jeden Abend stundenlang in den Fernseher. Erntehelfer werden gesucht, jung und leistungsfähig. In der Vergangenheit waren das im Wesentlichen Osteuropäer, bis zu 12 Stunden am Tag auf dem Gurkenflieger unter dem Mindestlohn. Der Plantagenbesitzer erklärt im Interview in verantwortungsvollem Ton, dass diese damit den Rest des Jahres ihre Familie ernähren.

Einheimische machen das nicht. Vielleicht 6 Stunden Mindestlohn zusätzlich zum Kurzarbeitergeld. Werden selbst die Gurken teurer? Ich denke an die Kunden der Tafeln, die derzeit geschlossen sind. Ich denke daran, dass es in anderen Ländern kein Kurzarbeitergeld gibt und in Afrika die Heuschrecken wüten. Ich diskutiere mit dem Sohn, der in einer größeren Stadt wohnt, über das Joggen, weil er es für heute eigentlich vorhatte und dann doch nur auf dem Balkon gelandet ist. Seine Verlobte ist Ärztin und damit äußerst systemrelevant. Die Waldwege am Stadtrand sind schmal und viele Leute an der frischen Luft. Hat die Regierung ja auch empfohlen. Ich bin überzeugt, dass es in diesem Fall ein triftiger Grund ist, mit dem Auto weiter raus zu fahren. Die geplante Hochzeit im Juni, egal, wir werden sehen. Ich lese in der Zeitung, dass in Südafrika selbst Gassigehen mit Hunden und Joggen verboten wird.

Sonntag 29. März

Für mich sind mittlerweile fast alle Tage gleich. Heute sind zumindest die Läden zu. Ich könnte einen Gottesdienst am Computer anschauen und Lieder mitsingen. Ich gehe lieber

mit den sportlichen Stöcken und halte meine eigene kleine Andacht in der Natur. Bergauf mit leichtem Herzklopfen und Schwitzen – ein triftiger Grund im Leben ohne Sauna. Ich denke daran, dass derzeit die einen mehr Arbeit haben als sonst, manche sogar wesentlich mehr, weil so viele Umstellungen gleichzeitig wahnsinnig anstrengend sind. Ich denke auch an die, die innerlich in ein tiefes Loch fallen, die wirtschaftliche Ängste haben bzw. mit diesem erzwungenen Rückzug ganz auf sich alleine gestellt sind und damit

schlecht zurecht kommen. Mein Mann und ich gehen pfleglicher miteinander um und sind froh, dass auch unsere erwachsenen Kinder Partner haben, nicht alleine sind. Hoffnung, Demut und Dankbarkeit sind angesagt. Nicht nur am Sonntag. Amen.



Montag 30. März

Ich denke an die verschiedensten Telefongespräche auch mit Leuten, die ich schon länger nicht mehr gesehen habe. Ich erfahre von Umstrukturierungen im Altenheim, im Krankenhaus, im Uni-Labor, von Kurzarbeit und Zwangsurlaub. Für andere hat sich gar

nicht so viel geändert, weil sie sowieso meistens und am liebsten zuhause sind. Ich denke an meine täglichen Fernsehabende und bin dankbar für diese Möglichkeit der Abendgestaltung. Ich habe sogar einen Stick für die Mediathek und damit eine grenzenlose

Auswahl an Filmen und Dokumentationen. Nebenher hüpfe ich ein bisschen auf dem Trampolin und mache ein paar Yoga-Übungen. Das ist jetzt mein Fitnessstudio light, das muss reichen. Ich mache mir Gedanken, wie und wann ein Fitnessstudio wieder öffnen

kann, aber da gibt es vermutlich genügend Leute, die sich darüber ständig Gedanken machen.

Ich mache mir noch mehr Gedanken, wie und wann die Schulen wieder ihren Betrieb aufnehmen können. Das finde ich viel wichtiger als ein Fitnessstudio. Aber da gibt

es sicher auch jede Menge Leute, die sich darüber ständig Gedanken machen und dann auch wirklich etwas zu bestimmen haben. Stattdessen habe ich ernsthaft die Hoffnung, dass die Politik durch diese derzeitige abrupte kollektive Erfahrung sozialer und ökologischer wird, bei uns und in der ganzen Welt. Die

Möglichkeit einer solchen Pandemie wurde vorausgesagt und nicht wirklich ernst genommen. Dieses Corona-Virus macht möglich, was wir uns nicht vorstellen konnten: So eingreifende Verbote und Einschränkungen und (fast) alle sind einverstanden. Jetzt die Augen schließen und sich den Klimawandel als Virus vorstellen: Es fängt mit wenig an, weit weg, so wie dieses Corona-Virus im Januar, erst gruselt es nur leicht ... 

Heute will ich endlich mit dem Frühjahrsputz anfangen.