Corona-Tagebuch 2020 - Teil 7

Kreative Lösungen?


Dienstag, 2. Juni

 

Großer Aufmacher in der Lokalpresse ist die ersatzlose Absage des städtischen Sommerferienprogramms. Hier ist wohl jegliche Fantasie schon die Isar hinunter geflossen. Der Landkreis behält sich zumindest vor, nach Möglichkeit „coronagerechte“ Angebote zu organisieren. Ein Familien-Freiluft-Angebot kommenden Samstag, an dessen Planung und Durchführung ich maßgeblich beteiligt bin, wurde vom Leiter des Gesundheitsamts genehmigt, mein persönlicher Erfolg der letzten Woche. Die Ankündigung hätte schon in der Pfingstausgabe der Zeitung erscheinen können, wurde rechtzeitig von mir hingeschickt. Leider hat die Redaktion das bislang ignoriert. Ich hake nochmal nach, sehe, dass mein Mailtext möglicherweise nicht korrekt weitergeleitet wurde und könnte – wenn ich Verschwörungstheorien anhängen würde – staatliche Zensur vermuten. Dabei erinnere ich mich an eine längere Diskussion mit einem Anhänger von Widerstand 2020, einem sehr erfolgreichen Therapeuten und Hochschulprofessor, der seinen Schwerpunkt auf die Verarbeitung von Kindheitstraumen gelegt hat. Seine Theorie geht so weit, dass er ernsthaft daran glaubt, dass unsere Regierung und die Führungskräfte der WHO derzeit kollektiv ihr persönliches kindliches Angsttrauma ausleben und uns deshalb unserer Freiheitsrechte berauben. Lieber organisiere ich, dass die Redaktion nun mehrfach zur Veröffentlichung aufgefordert wird und verschicke den passenden Link über Mail und Whats-App, meine digitalen sozialen Medien, zum Weiterleiten im Schneeballsystem.

Mittwoch, 3. Juni

 

Endlich erscheint diese Ankündigung in der Zeitung und ich kann aufatmen. Leider wird die Wettervorhersage zunehmend schlechter und die geplante Aktion fällt vermutlich so oder so ins Wasser. Egal. Zumindest hat die Werbung doch funktioniert und ich muss mich nicht vor irgendwelchen hintergründigen Vorgängen fürchten. Durch die Verlängerung der strengen Kontaktbeschränkung auf zwei Haushalte bis zum Ende der Pfingstferien fühle ich mich sowieso schon ständig in meine Jugend zurückversetzt, in der ich immer wieder aus mir unverständlichen Gründen etwas nicht durfte und zuhause bleiben musste. Ich begebe mich also absichtlich zu einer Ordnungswidrigkeit beim Abend-Snack zu fünft auf einer Terrasse und muss zumindest theoretisch ein Bußgeld befürchten. Zum Glück ist der angepeilte Garten von der Straße aus nicht einsehbar, so dass sich weder neugierige Nachbarn noch Polizisten genötigt fühlen die anwesenden Hausstände zu zählen.



Donnerstag, 4. Juni

 

In Talkshow und Zeitung wird thematisiert, wie sehr die derzeitige lang andauernde Unsicherheit die psychische Gesundheit labiler Menschen angreift. So viele Fragen, die niemand befriedigend beantworten kann, so vieles, was schwer zu verstehen ist, von heute auf morgen zerstörte Lebensentwürfe, hektisch erstellte behördliche Anordnungen und daraus folgende Ver-rückt-heiten. Ich melde mich freiwillig zum Türklinkendesinfizieren bei meinem Badeverein, der über den Luxus einer gepachteten Baggerseehälfte verfügt. Schließlich bin ich absolut dankbar dafür, dass das Schwimmen und Sonneliegen bereits diese Woche im Rahmen eines Arbeitseinsatzes möglich ist und ab nächste Woche überhaupt legalisiert wird. Beim Verein wird nun so jemand wie ich in der Abteilung Hygiene registriert. Gibt es auch einen auf dem Kopf stehenden Dreifach-Tränen-Lach-Emoji? Den könnte ich für mich jetzt brauchen. Vielleicht nehme ich irgendwann noch die Desinfektionsmittelsprühflasche als Teddybärersatz mit ins Bett.

Samstag, 6. Juni

Corona war die letzten Monate unangefochtenes Schlagzeilen-Thema Nr.1. Diese Woche gibt es Konkurrenz aus den USA: Ein brutaler Mord an einem Schwarzen als Auswuchs rassistischer Polizeigewalt sowie ein unterirdisch reagierender Präsident provozieren große vorwiegend friedliche Demonstrationen rund um den ganzen Erdball. Auch in Deutschland werden die angemeldeten Teilnehmerzahlen um ein Vielfaches überschritten. Die Polizei kann die Menschenmengen nur noch auf weitere Plätze umleiten. Währenddessen ist hier in Bayern ein kleines Arbeitstreffen zu dritt auch mit Abstand immer noch offiziell verboten. Meinem grimmig schauenden Emoji hängt da schon lange die Zunge heraus.

 

Jeder Lebensbereich kämpft mit behördlichen Vorgaben und Hygienekonzepten. Ich höre von einer Kinderkrippe in Baden-Württemberg, die gerne wieder allen angemeldeten Kindern frühkindliche Bildung angedeihen lassen und dies mit einzelnen Betreuungstagen umsetzen will. Das Infektionsschutzgesetz verlangt jedoch eine ganz kurze Übergabe, während die kleinen Kinder monatelang nur bei den Eltern waren und sich an die Betreuer  gar nicht mehr richtig erinnern. Eine erneute Eingewöhnungsphase ist damit nicht möglich, das Ganze also gut gemeint, aber nicht wirklich durchführbar.



Montag, 8. Juni

 

Kontaktloser Sport im Freien ist nun auch für Gruppen mit bis zu 20 angemeldeten Personen gestattet. Eine Fahrrad-Aktion wäre also theoretisch wieder möglich. Aber was ist, wenn ein Radfahrer an dem anderen zu nah vorbeifährt oder gar dessen Fahrrad berührt? Was muss die verantwortliche Person gewährleisten? Wer nicht wirklich engagiert ist, gibt spätestens bei dieser Überlegung auf. Ich tue das nicht, sondern freue mich, dass sich endlich wieder so eine Aktion planen und legal durchführen lässt. Da hüpft die Seele. Außerdem darf in Bayern bereits wieder in 10er-Gruppen instrumental musiziert und in Nordrhein-Westfalen sogar im Chor gesungen werden – mit den größeren Abstandsregeln für das gefährliche Singen, die ich mir schon lange vorgestellt und in der Kirche auf ihre Umsetzbarkeit hin überprüft habe. Licht am Ende des Tunnels? Tief durchatmen, wird mit der Zeit schon werden. Geduld ist eigentlich nicht meine Stärke.

Mittwoch, 10. Juni

 

Mittlerweile gibt es zum Weiterbetrieb der Schulen absolut unterschiedliche Meinungen, die sich jeweils mehr oder weniger durch wissenschaftliche Studien, Erfahrungen in anderen Ländern oder auch einfach nur den sogenannten gesunden Menschenverstand belegen lassen. Immer mehr wird deutlich, dass das oberste Gebot der Infektionsvermeidung nicht einmal mehr mittelfristig zu verantworten ist, weil die begleitenden Schäden einfach zu groß sind. Was ist jetzt wirklich wichtig? Die Einschätzung von Unterricht nach den Sommerferien wie früher gewohnt reicht von „genau richtig“ bis zu „absolut nicht zu verantworten“. Das geht kreuz und quer durch alle gesellschaftlichen Gruppierungen, ist sichtlich so vielfältig wie der Umgang mit Mund-Nasen-Schutz. Bei diesem scheint es vom halbstündlichen Wechseln von Einmal-Exemplaren wie im Krankenhaus bis zum Wiederverwenden feucht zusammengeknüllter wochenlang nicht gewaschener pilz- und bakterienbefallener Teile alles zu geben. Von schlichtem Trocknen lese ich nichts, das passt sichtlich nicht ins derzeit angesagte hyperaktive antivirale Hygienekonzept. Seit der Ölkrise der 70er-Jahre ist eigentlich die Notwendigkeit offensichtlich, Resourcen zu schonen und Energie zu sparen. 50 Jahre später führt ein neuartiges Virus zu einer unvergleichlichen Hygieneoffensive auf dem ganzen Erdball. Vermutlich gibt es ab jetzt nicht mal mehr eine Grippewelle. Nur noch Allergien. Kreativität und das soziale Leben sind auch im Eimer. Operation geglückt, Patient tot. Da hängt dem Emoji nur noch die Zunge raus.



Freitag, 11. Juni

 

Seit Kurzem nimmt die Stadt die Anmeldung von Versammlungen bis zu 20 Personen in Innenräumen und 25 Personen im Freien entgegen. Größere Veranstaltungen müssen extra genehmigt werden. Voraussetzung sind Abstand, Mund-Nasen-Schutz und entsprechende Lüftungsmöglichkeiten, alles gleichzeitig, nicht alternativ. Schließlich dürfen Kommunen nur Regelungen erlassen, die schärfer sind als diejenigen des Freistaats. Ab jetzt besteht also Wahlmöglichkeit zwischen Videokonferenz und Treffen potentieller Bankräuber mit behördlicher Registrierung. Für mich ist das eine zwar garantiert virenfreie aber Wahl zwischen Pest und Cholera. Was nervt mehr? Der Vorteil von Videokonferenzen bei damit vermiedener weiter Anfahrt liegt auf der Hand. Ein echtes Gruppentreffen, aber dann mit Maskenpflicht? Wenn ich Berichte über Vermutungen lese, nach denen das Finden eines brauchbaren Impfstoffes einem Lottogewinn ähnelt, wird mir echt anders und ich suche auf meinem Handy erstmals einen richtig grimmig schauenden Emoji.

Sonntag, 14. Juni

Am späten Vormittag starte ich bei Nieselregen mit sportlichen Stöcken bergauf – voller  Dankbarkeit für das Ausbleiben der befürchteten Dürre – zu meinem persönlichen Gottesdienst an der frischen Luft. Ich kann mich nach einiger Zeit sogar an einer Selbstbedienungs-Bioladen-Hütte mit offener Kasse und frischen Erdbeeren erfreuen. Hier finde ich wirkliches Vertrauen und damit mehr Spiritualität als in einer Kirche, in der mein Chor nicht einmal mit großem Abstand singen darf.

 

Diese Woche soll die lange angekündigte Warn-App an den Start gehen. Aber wozu jetzt? Weil sie endlich fertig ist? Es gibt nur noch relativ wenige Fälle. Morgen fliegen schon wieder die ersten Reisenden nach Mallorca. Das Vermeiden von Infektionen kommt mir vor wie eine neue Disziplin im Leistungssport. Weltmeister in der Statistik wurde Deutschland schon ohne digitales Doping und allen Warnungen zum Trotz. Ist da nicht derzeit das Risiko eines App-Fehl-Alarms größer als das einer wirklichen Ansteckung? Ich brauche diese App derzeit nicht.



Montag, 15. Juni

 

Seit Tagen lese ich neidvoll die Meldungen darüber, was in anderen Bundesländern alles wieder erlaubt ist: zu zehnt im Café, teilweise sogar Chorproben oder Sauna. In Österreich gibt es mittlerweile offiziell den Begriff einer Risikogemeinschaft, innerhalb derer sogar wieder geknuddelt werden darf. In Bayern ist jedoch wie üblich Nachsitzen angesagt. Österreich diesmal nicht als Vorbild. Andauern der Kontaktbeschränkung auf maximal zwei Haushalte. Lieber sicher gehen. Soziale Fastenkur zur Selbstoptimierung, da hängen wir noch was dran. Geht doch. Dafür wird der Landespapa ja so geliebt, falls die Medien richtig liegen. Vermutlich wird es nie eine offizielle Statistik über unentdeckte und folgenlose Partys geben, aber jeder kleine „Hotspot“ bekommt eine eigene Meldung im Live-Ticker, damit ja niemand übermütig und der Angstpegel hoch gehalten wird. Weil ich weiterhin nicht an Verschwörungstheorien glaube, bleiben mir beim derzeitigen Regenwetter nur noch eine massive depressive Verstimmung und ohnmächtige kindliche Wut.

Dienstag, 16. Juni

Überraschung am Morgen: Die Seele darf doch wieder hüpfen. Großzügig und in Etappen, mit Eilmeldungen sowie der üblichen Pressekonferenz um 13 Uhr wird das Ende des bayerischen Nachsitzens verkündet. Hat sich mein gestriger Ärger geistig übertragen, wieder einmal ein Gerichtsurteil die Kabinettssitzung beeinflusst oder ganz einfach der gesunde Menschenverstand durchgesetzt?