Corona-Tagebuch 2020 Teil 6

LANGSAME ENTSPANNUNG  


Montag, 18. Mai

 

Das Erregungsniveau bei Schlagzeilen und Talkshows sinkt. Möglicherweise nimmt sogar die behördliche Kontrollwütigkeit ab. Das Gesundheitsamt will unser tolles Musikunterrichts-Hygienekonzept gar nicht sehen – Hauptsache, es gibt eines. Enttäuschung wie bei unkontrollierten Hausaufgaben in der Schule. Übungsaufgabe, Hauptsache gemacht, Stichpunktkontrolle jederzeit möglich. Das Wichtigste sei, unbedingt die Kontakte zu protokollieren: Schüler und Begleitpersonen – bei Musik-Einzelunterricht. Jede Woche dieselben Schüler, braucht es für so ein Protokoll den Extra-Hinweis einer Behörde?

 

Überhaupt wird die schwindende Panik vor dem Virus jetzt durch die vor staatlichem Kontrollverlust ersetzt. Kontaktloser Sport höchstens zu fünft. Wer könnte hier den Überblick verlieren? Viele Vereinsvorstände geben sich gar nicht damit ab, so eine Kleingruppenbetreuung zu organisieren, weil es da nur Neid und Ärger geben könnte, wer was wann darf. Das Training für die Fußball-Bundesliga lässt sich sichtlich leichter planen, deshalb wird da ja auch schon wieder unter höchster medialer Beachtung gespielt.

Dienstag, 19. Mai

 

Verzweifelt suche ich nach einer Möglichkeit zum Singen für meinen Chor, schließlich durften in München schon 1000 Leute offiziell mit Polizeischutz demonstrieren. Wie komme ich zu einer Genehmigung für 18 mir persönlich bekannte Menschen in einem U-förmigen Innenhof einer städtischen Einrichtung, die derzeit geschlossen ist? Ich telefoniere mich durch diverse Stellen der Stadtverwaltung. Ich erfahre und weiß auch bereits, dass unter dem Motto „Kultur vor dem Fenster“ 4 Leute auf Privatgrund ohne Mundschutz im Freien singen dürfen. Notlösung für Profis, die mir leider nichts hilft. 

Ich biete 4 Meter Abstand und benötige gar kein Publikum. So etwas ist leider nicht vorgesehen. Die Einrichtung ist derzeit geschlossen und wird es vorläufig auch bleiben. Ausnahmen werden nicht gemacht.



Mittwoch, 20. Mai

Warnungen vor Autostau wegen der Feiertage. Mit triftigem Grund in der persönlichen Blechkiste über die Grenze, manche haben darauf schon seit 2 Monaten gewartet. Öffentliche Verkehrsmittel sind Verlierer in der Corona-Krise. Vorher galt für Autofahrer: du stehst nicht im Stau, du bist der Stau. Jetzt bist du vielleicht der zu volle Zug. Lieber auch Auto fahren oder gleich daheim bleiben? 

Oder trotzdem Zug fahren trotz lästiger Mund-Nasen-Schutz-Pflicht? Wir diskutieren eine entspannte Möglichkeit für längere Fahrten bei vielen freien Plätzen: Die Maske kann an einem Ohr hängen, dann ist sie bei einer Kontrolle schnell wieder vor Ort – so wie sichtlich bei manchen Verkäuferinnen, die bereits hinter einer Plexiglasscheibe stehen. Aber was tun, wenn der Zug dann doch zu voll wird? Schließlich ist mein Mann immer noch Risikoperson und ich bin es in gewisser Weise auch. Ich bestelle ein Pedelec-E-Bike und darf auf die Lieferung in etwa vier Wochen hoffen.

Donnerstag, 21. Mai

2 Töchter kommen mitsamt ihrem Haushalt zum Vatertag. Wir überlegen, ob und welche Verordnung wir möglicherweise übertreten (3 Haushalte in einem Garten), stellen genügend Tische zum Abstandhalten auf und erklären das Ganze zum privaten Biergarten. Die meisten Regeln sind vermutlich mehr als erfüllt und der Kühlschrank vollgefüllt. Wir versuchen immer wieder das Corona-Thema zu vermeiden, was aber jeweils nur wenige Minuten funktioniert. Das derzeitige Leben ist zu sehr davon bestimmt.

Währenddessen haben in Brasilien ganze Stadtviertel kein Wasser. In Bangla Desh werden die Näherinnen nicht bezahlt, weil bei uns kaum mehr Klamotten verkauft werden. Der Markt ist gesättigt. Und zu allem Überfluss tobt am Indischen Ozean noch ein Zyklon mit Überschwemmungen. Millionen von Menschen in Notunterkünften. Der thailändische König residiert derweil in einem Hotel in Garmisch-Partenkirchen. In afrikanischen Staaten wurde dieses Virus durch die Eliten, die mit dem Flugzeug unterwegs waren, eingeschleppt. Diese Menschen sitzen vermutlich bei den verhängten Ausgangssperren mit Aperitiv am Swimming-Pool und die Armen haben nichts mehr zu essen.

 



Freitag, 22. Mai

Demo der Fridays for Future. Schlecht verständliche Reden durch Mundschutz ins Mikrofon. Muss das überhaupt sein? Reicht bei Rednern nicht schon der gebührliche Abstand? Masken sind bei wärmeren Temperaturen die überall griffbereite persönliche Sauna, jederzeit und ohne Eintritt. Ich stelle mich an den Rand und lüfte teilweise mein Gesicht, Zuschauer müssen im Freien schließlich nur Abstand halten.

 

Später bei meinem ersten coronagerechten Biergartenbesuch: Zum Reingehen Maske auf, am Tisch ab, zum Steckerlfisch holen auf, am Tisch ab, zum WC auf, am Tisch ab, zum Gehen auf, zum Heimfahren ab. Mit Ohren-Gummibandversion und Jackentasche ist das eigentlich ganz einfach. Vorher hatte ich in meinem Fach in der Schule ein blütenweißes regional produziertes kochfestes Exemplar mit Binde-Bändern sowie ausführlichsten Berührungs-Warn-Hinweisen vorgefunden, mir die praktische Verwendung desselben vorgestellt und bin schon vor dem Berühren der umhüllenden Tüte zurückgeschreckt. Später wird mir erzählt, dass sich solche Masken auch für ein individuelles Design eignen, z.B. mit Lippenstift.

Montag, 25. Mai

 

In den Medien geht es um die Notwendigkeit staatlicher Bevormundung. Die Idee, Verbote durch Gebote zu ersetzen, löst bei bestimmten Politikern blankes Entsetzen aus. Lässt sich wirklich nur mit angedrohten hohen Bußgeldern bei Zuwiderhandlungen gegen behördliche Vorgaben ein vernünftiges Verhalten der Bevölkerung erreichen? Werden solche Regeln dann langfristig überhaupt noch ernst genommen? Vor jedem Lockerungsschritt waren sich die Fachleute sicher, dass die Zahlen trotz wohlüberlegter Hygienekonzepte wieder hochschnellen würden, was dann aber nicht eingetreten ist. Wenn ich lese, dass in einem Pflegeheim der Besuch mit Abstand und Trennscheibe nur mit zusätzlicher medizinischer Dreifachschutzmaske gestattet ist, frage ich mich, warum so ein virologisches Hochsicherheitsgefängnis erfunden werden muss. Wenn ich aber daran denke, dass sich in einem Zug jemand einfach so wie früher neben mich setzen und unmaskiert seine Aerosole ausatmen und husten könnte, bin ich auch nicht begeistert.



Mittwoch, 27. Mai

Talkshowkater, Chorleitungsdepression erster Ordnung, weil es auch um das Singen ging. Seit Samstag verfolge ich intensiv die Berichterstattung über den Gottesdienst einer hessischen Glaubensgemeinschaft, der wohl für massenhafte Ansteckungen gesorgt hat. Wie gerne hätte ich ein gutbezahltes Detektivbüro. Das könnte dann – so wie „Die Zwei“ im Fernsehen – herausfinden, dass in diesem Bethaus mit dem Aussehen eines Wohnhauses nicht nur gesungen wurde, sondern auch ein nicht unbeträchtlicher Teil der Besucher mehr an die direkte Wirksamkeit von Gebeten glaubt als an diejenige von behördlichen Allgemeinverfügungen. In meinem geistigen Filmdrehbuch kommen zusätzlich konspirative Hauskreise vor, bei denen für eine besonders intime Atmosphäre Rollos heruntergelassen werden. Selbst ein erfolgreiches Detektivunternehmen tut sich da schwer, aussagebereite Zeugen zu finden. Singen und Kirche sind gefährlich – das ist die schnell haftende Kurz-Botschaft auf allen Kanälen. Extra garniert mit dem Innenraumfoto eines großen historischen Kirchengebäudes, in dem Besucher mit weitem Abstand sitzen. Dumm gelaufen für so jemanden wie mich. Wie eine Cocktailbombe mit zu viel Alkohol und Zuckersirup.

Seit zwei Tagen sind selbst in Bayern Restaurant-Innenräume wieder geöffnet. Darin darf  ohne Unterlass gesprochen werden. Am Tisch logischerweise ohne Maske. Restrisiko. Nach der Verlautbarung eines Instituts für Musikermedizin liegt der Unterschied zum Singen möglicherweise darin, dass gute Sänger intensiver einatmen und das auch eine Ursache von berichteten hohen Ansteckungsraten in einigen Chören sein könnte. Deshalb beim Singen mehr Abstand halten. Mein Plan seit vielen Wochen. Es gibt eigentlich keine wirklich neuen Erkenntnisse, aber Negativ-Schlagzeilen verbreiten sich schnell.

Donnerstag, 28. Mai

Eine kurze Nacht, weil ich das erste Mal seit Monaten bzw. gefühlten Jahren erst nach Mitternacht heimgekommen bin. Bloß ein Plausch bei Freunden nach einem konspirativen Arbeitstreffen zu dritt. Trotzdem ein Gefühl wie in meiner Jugend nach der ersten Party ohne elterliche Beaufsichtigung, zu aufgekratzt für ein schnelles Einschlummern.

 

Am Nachmittag die ersten Prüfungen. Zum Glück konnte ich da wenigstens nicht verschlafen. Die Schule ist mir schon richtig fremd geworden. Nach dieser ewigen Zeit ohne Präsenzunterricht habe ich bereits die Befürchtung, dass mir meine Routine im Umgang mit jungen Leuten abhanden gekommen sein könnte und Fehler unterlaufen.



Freitag, 29. Mai

Weitere Prüfungen, mal wieder an einem Vormittag Schulatmosphäre mitkriegen. Maske auf dem Gang rauf, im Musiksaal runter, hier sind wir nur zu dritt. Ich habe nicht verschlafen, das meiste gut vorbereitet, gelüftet, umgeräumt, Desinfektionsmittel, Instrumente, den Beamer mit Zeigestab hergerichtet, genügend passende Prüfungsfragen auf Lager.  Gespräch mit der Schulleitung über die Planung bis zum Schuljahresende. Kann sich aber noch ändern. Vielleicht doch wieder Schüler-Praktikum im Kindergarten. Hoffentlich gibt es bei uns keinen Fall wie in Regensburg. Niemand will Gegenstand der nächsten Schlagzeile sein.

Samstag, 30. Mai

Pfingstferien. Das Virus darf wieder mobil werden, solange es unter Kontrolle bleibt. In Österreich soll ab Mitte Juni die Maskenpflicht in Läden und Hotels entfallen. Die Zahlen lassen das zu. Heutzutage die beste Werbung für ein Urlaubsziel. Schließlich muss wieder Geld in die Kasse. Währenddessen gibt es in Südafrika immer noch Leute, besonders Rentner, die erst mal gerne dort geblieben sind. Jetzt warten sie doch auf einen Heimflug nach Deutschland, nachdem sich die Lage hier entspannt hat, der Sommer kommt und sogar das Baden wieder möglich wird.

 

Und was ist mit dem Klimaschutz? Immer zu wenig wie vorher? Vor Ostern habe ich mir gewünscht, dass spätestens zu Pfingsten überall ein entsprechender Geist herrscht. In manchen Bereichen ist Entsprechendes zu vernehmen, aber es bleibt noch viel zu tun. Vermutlich wird zwar wegen der geringeren Ansteckungsgefahr erst mal wieder ordentlich Auto gefahren, aber es werden nicht mehr so viele verkauft. Vielleicht tut sich mit der Zeit doch was und die Klimakrise wird auch ernster genommen.

Vorfreude auf Pfingsten mit den Gästen, die sonst immer am Ostermontag da waren.