CORONA-TAGEBUCH 2020 TEIL 5

Begrenzte Aussichten


Mittwoch, 6. Mai

Der erste Tag ohne Ausgangsbeschränkung, ohne triftigen Grund. Nachfragen und E-Mails bezüglich Musik-Einzelunterricht schon am frühen Morgen. Wegen meinem Tagebuch gelte ich bei manchen schon als Expertin. Doppel-Tränen-Lach-Emoji mit Seitendrall.

 

Ich mache Vorschläge in der Möglichkeitsform. Konjunktiv wie im NDR-Podcast. Es könnte sein. Das Gesundheitsamt könnte sich bei einer Kontrolle über einen Desinfektionsmittelspender im Eingangsbereich freuen.

Derweil kommt die Tochter einfach so ohne triftigen Grund vorbei. Weil es endlich wieder erlaubt ist. Wir freuen uns. Eigentlich wollte ich noch die Küche wischen und am Nachmittag habe ich sowieso schon einen Termin. So viel auf einmal bin ich gar nicht mehr gewöhnt.

Donnerstag, 7. Mai

 

Im Fernsehen Bilder über unangemeldete Demonstrationen ohne Mindestabstand. Das Erlebnis eines in unserem Staat noch nicht gekannten Daseins als Untertanen unter Polizeikontrolle fordert Widerstand heraus. Nicht alle sind einverstanden. Es kann geklagt werden, auch im Eilverfahren. Mal kriegen die Kläger, mal die Regierungen Recht. Verhältnismäßig? Unverhältnismäßig? Immer Interpretationssache nach Paragrafen. Ich persönlich fühle mich von den öffentlich-rechtlichen Medien transparent informiert. Es gibt aber auch Teile der Bevölkerung, die das anders und unsere freiheitliche Demokratie in Gefahr sehen. Ein Video über eine vermeintliche Impfpflicht wird wieder gelöscht. Allerdings gibt es bislang weder einen Impfstoff noch eine beschlossene Impfpflicht. Vermutlich würden sich die meisten freiwillig impfen lassen, schließlich ist die ganze Welt betroffen. Widerstand als Parteiprogramm? Umgekehrter vorauseilender Gehorsam? Daraus folgend dann prophylaktische Volksverhetzung? Gibt es einen derartigen Tatbestand?



Freitag, 8. Mai

 

Wochenmarkt. Die Pfandgläser sind aus. Vom Kunden dürfen wir nichts anfassen. Ich weiß das natürlich und spüre intensiv, welche Gefahr meine Berührungen für die Umwelt sind. Staatlich verordnete Müllpflicht. Vielfacher Anblick in der Altstadt sind Einwegmasken, die als Kinnschoner an den Ohren hängen. Mittlerweile gibt es genug davon, im Zehnerpack im Drogeriemarkt und einzeln als Müll im Gelände. Nach der Lektüre von 6 Seiten Hygiene-Konzept für Musik-Einzelunterricht philosophiere ich über Bläserunterricht im Wald, weil es dort keine Türklinken gibt und die Aerosole schneller verfliegen. Ich beobachte bei mir allmählich die Entstehung einer Zwangs-Anti-Zwangs-Neurose im Hinblick auf Reinlichkeit und fürchte ein dauerhaftes Leben in einer panisch desinfizierten Zwangsgesellschaft.

Samstag, 9. Mai

 

Das notwendige Hygienekonzept für Musik-Einzelunterricht muss ausgehängt werden. Es geht auch auf einer Seite, Sonderregeln für Bläser extra. In dieser Unterrichts-Abteilung bin ich zum Glück nur noch mit Bürotätigkeiten vertreten und muss persönlich weder das Händewaschen beaufsichtigen noch ständig Lichtschalter desinfizieren. Ich zerbreche mir trotzdem den Kopf über Klavierunterricht für junge Anfänger ohne Instrumentenberührung, ausschließlich mit verbalen Anweisungen. Meine pädagogischen Methoden für diese Zielgruppe waren zu weiten Teilen das Vierhändig-Spielen und Mitsingen, um Kindern  einen musikalischen Fluss zu vermitteln. So etwas ginge nun derzeit gar nicht. Die gerade fertig geplante Fortbildungstätigkeit geht auch nicht. Wenig Arbeit – eben Kurzarbeit.



Sonntag, 10. Mai

Erster Gottesdienst nach der Coronapause. Ich gehe hin, weil ich wissen will, wie sich das anfühlt. Sonntag Cantate mit Mundschutz und Singverbot. Das kann nichts werden. Und es wird nichts. Zumindest nicht für mich. Ich kann schlecht zuhören und beweise mir selbst, dass sich Menschen mit Vorurteilen schwer beeinflussen lassen. Halleluja.

 

Meine nachmittägliche Radltour – mit mehrfacher Aussicht auf das Kernkraftwerk – führt zu einer kleinen Kapelle. Dort kann ich mich Gott-sei-Dank ganz bewusst daran freuen, bislang von einer Chemie- oder gar Atomwolke in der Nähe verschont geblieben zu sein. Mein persönlicher Gottesdienst an der frischen Luft. Ohne Mund-Nasen-Schutz und das miese Gefühl, für die Umwelt in erster Linie eine potentielle Virenschleuder zu sein.

 

 

Am Abend Fernsehbilder vom Muttertag. Freudentränen beim lange vermissten Besuch im Altenheim. Mundschutz, Abstand, Scheiben, höchste Sicherheitsstufe, fast so wie im Gefängnis. Aber immerhin. Ich denke daran, dass in der Türkei und Südamerika vor einiger Zeit Häftlinge vorzeitig aus überfüllten Gefängnissen entlassen wurden.

Montag, 11. Mai

Während mit den allmählichen Lockerungen endlich wieder mehr Eigenverantwortung angesagt ist, nehmen Proteste gegen die Notstandsverordnungen zu. Beschwerden über rücksichtslose Bürger, die zu wenig Abstand halten, auch. Da ich nicht in einer Großstadt lebe, kann ich nicht wirklich mitreden. Mittlerweile gibt es alles in der To-Go-Variante. Aperol Sprizz im Plastikbecher mit Deckel. Prost. Wir wollen schließlich die Gastronomie unterstützen. Plastikmüll? Egal. Man gönnt sich ja sonst nichts. Stadtplätze und Parks werden zu unorganisierten Biergärten, in denen niemand den Abstand genau abmisst. Der Ermessensspielraum der Polizei ist groß, der Ehrgeiz unterschiedlich. Anzeige oder nicht – das ist hier die Frage und vermutlich reine Glückssache. Auf einer Bank im Gelände habe ich immer in Ruhe Brote verzehrt, auch als das offiziell noch verboten war.

 



Dienstag, 12. Mai

 

Ständig gibt es neue Statistiken, Zahlen und Fragestellungen. Warum erkranken Raucher seltener an Covid19? Schließlich gilt Rauchen als Risikofaktor. Das Robert-Koch-Institut kennt bislang keine Antwort. Ich überlege, ob es vielleicht am automatischen Social Distancing aus Geruchsgründen liegt oder daran, dass sich Raucher wegen des Rauchens mehr an der frischen Luft aufhalten. Kurios wäre natürlich die Entdeckung eines Vorteils von Teer in der Lunge. Das wäre dann Sucht als Prophylaxe. Egal. Es soll auch Leute mit Fitnessstudio-Sucht geben, die trotz Hanteln und Hometrainer unter Entzug leiden und es nicht mehr erwarten können, wieder dorthin zu gehen. Zu dieser Gruppe gehöre ich zum Glück nicht und bin zufrieden, wenn ich beim Bergaufgehen einen neuen Weg entdecke und mir die Puste erst nach einer gewissen Zeit ausgeht.

Mittwoch, 13. Mai

 

 

Manchmal habe ich wegen der beinahe täglichen Suchtbefriedigung Talkshow-Kater, will nur noch weg, was sich bei der Frage nach dem Wohin wieder von selbst erledigt. Bei Spielfilmen nervt mich schnell die Kuschelwelt anderer Zeiten. Gefühlt füllt Corona 99% aller Fernsehminuten auch in Doku-Magazinen. Immerhin bekamen 75 Jahre Kriegsende eine eigene Sendezeit. Wer hat hier wen wovon befreit und feiert das wo in welcher Form? Bilder von einsamen Veranstaltungen zu einem wichtigen Thema. Bei der Beurteilung der Wirtschaftsaussichten wird immer wieder diese Zeit zum Vergleich herangezogen. Mir fallen dazu die Erzählungen meiner Eltern ein, die den 2.Weltkrieg als Jugendliche erlebt und schwer daran gelitten haben. Gut gefüllte Supermärkte kamen darin allerdings nicht vor.



Donnerstag, 14. Mai

 

Planung von Prüfungen für auswärtige Bewerber. Vieles geht schriftlich und am Telefon. Der Musiksaal bietet genügend Platz zum Abstandhalten. Ich zermartere mir allerdings den Kopf, wie ich das Prüfen der Handhabung von Schlag-Instrumenten handhaben soll. Schließlich habe ich das Anfassen von demselben Instrument auch von Prüflingen nacheinander absolut zu vermeiden. Ich werde meine Desinfektionsmittelflasche brauchen und sicher irgendetwas falsch machen. Werden das nun meine Albträume der nächsten Wochen? Werde ich in meiner Traumwelt eine Desinfektionsmittelmafia erfinden, die die deutschen Gesundheitsämter bestochen hat? Oder werde ich in Schutzkleidung mit einem riesigen Spühgerät den gesamten Musiksaal inclusive teurem Flügel desinfizieren?

Freitag, 15. Mai

Ich fahre mit einem Bus, der sich mehr und mehr mit maskenpflichtbewussten Fahrgästen füllt. Verstohlen wird ein Zigarettenpapier befeuchtet oder aus einer Dose getrunken. Die Busgröße reicht noch für den Mindestabstand, zumindest in dem Bereich, in dem ich sitze. Ich lächle ein ängstlich blickendes maskentragendes Kleinkind an, was logischerweise überhaupt nichts bringt. Was geht in dessen Kopf vor? Mein Denken ist dauernd beim Thema: Waren hier welche auf einer abstandslosen Demo oder gar heimlichen Coronaparty? Es gibt schon wieder Autostau. Wie lange muss ich noch hier drin bleiben? Angst und Misstrauen haben auch an meine Zellen angedockt und erfolgreich sämtliche Hirnwindungen befallen.



Samstag, 16. Mai

 

Das Atmen durch Stoff hindurch nervt mich mal mehr, mal weniger. Mittlerweile habe ich ein System entwickelt, mit dem ich notfalls in knapp 15 Minuten einen Großeinkauf im Supermarkt hinkriege. 2 volle Taschen fürs Radl und raus, den Rundschal kann ich  sekundenschnell runterziehen.

 

Wir reden über Urlaub. Derzeit komme ich mir mit meiner Kurzarbeit vor wie das Klischee: Lehrer kommen auf die Welt, haben dauernd Ferien und gehen dann in Pension. Mein Mann freut sich immer, wenn ich ein paar Tage wegfahre und er seine Ruhe hat. Er freut sich dann noch einmal, wenn ich wiederkomme. Leider wurde ihm diese doppelte Freude schon in den Osterferien verwehrt und an Pfingsten wird dies vermutlich wieder so sein.

 

Mittlerweile werden allerdings sogar Grenzöffnungen in Erwägung gezogen – wenn die Zahlen dies zulassen. Ich werde nun den Aufwand des Zugfahrens mit Maske in ein Verhältnis mit der Verfügbarkeit, Attraktivität und notwendigen Dauer eines Aufenthalts aufgrund des dann verfügten Hotelzimmer-Desinfektionsintervalls ausrechnen und in Relation zu meinem Bankkonto einen Grenzwert finden, ab dem ich am besten zuhause bleibe.

Sonntag, 17. Mai

Erfreulicherweise darf ich nun mehrfach in der Kirche singen. Als ökumenisches Duo fühlen wir uns geehrt, für die Verbindung von Wort und Musik zuständig zu sein. Dieses Privileg zum Verteilen von Aerosolen und potentiellen Viren hat schließlich nicht jeder. Wir atmen intensiv, grüßen Maria, loben den Herrn und erfreuen uns an der Akustik. Halleluja.

 

Der letzte Tag ohne Biergarten mit Broten auf einer Bank im Gelände beim Radlfahren. Die Medien bereiten uns täglich gründlich vor: Reservierung dringend empfohlen. Der Tisch wird zugewiesen, schließlich gibt es wesentlich weniger Plätze als vorher. Das Ganze bekommt eine Exklusivität wie in vornehmeren Lokalen oder früher in der DDR. Sich einfach an einen Tisch setzen, der einem gefällt? Das war einmal, gefühlt vor langer Zeit, real vor gut 2 Monaten. So schnell können auch begrenzte Aussichten Freude bereiten.