CORONA-TAGEBUCH 2020 TEIL 4

Diszipliniert organisiert


Freitag, 24. April

Wochenmarkt mit vielen vermummten Kunden, obwohl im Freien nur die Verkäufer Mund-Nasen-Schutz tragen müssen, was diese auch erstmals durchwegs tun. Ohne Pflicht läuft das wohl nicht. Ab Montag für alle in den Geschäften sowie Bus und Bahn. Die Stadt spendiert jedem Haushalt zwei Stück. Ließe sich nicht auch eine gewisse Verhaltenspflicht zum Klimaschutz einführen, die freiwillig überboten werden darf? Ich wäre für persönliche Co2-Kontingente, die auch verkauft werden können. Vielleicht könnten sich Hartz-IV-Bezieher mit so etwas selbst finanzieren, da sie sich Autos und Flugreisen sowieso nicht leisten können sowie meistens kleinere Wohnungen haben. Leider ist der Klimawandel noch nicht als Gefahr für die Gesundheit des Einzelnen gesetzlich registriert worden. Es gibt bislang nur Ziele, die dann nicht eingehalten werden.

In der Corona-Krise ist das erste Ziel bereits erreicht worden, die Ansteckungszahl unter 1, keine Überlastung des Gesundheitssystems. Jetzt steigt der Ehrgeiz, wir müssen noch besser werden, wir haben noch eine lange Strecke vor uns. Auf geht‘s, nicht nachlassen, die Volksfeste sind sowieso abgesagt, Disziplin ist Freude am Verzicht. Wir können uns das leisten.

 

 

Das Ganze erinnert mich ans Bergsteigen, wenn ich den Weg zum Gipfel noch nicht kenne. Dummerweise tun das in der derzeitigen Krise auch die Bergführer nicht. Außer einer vagen  Wegbeschreibung gibt es zwar Vermutungen, aber nur unzureichend gesichertes Wissen.

Samstag, 25. April

Die Situation in Schweden wird in der Presse diskutiert. Begrenzte Vorsorge des Staates. Empfehlungen und viel Eigenverantwortung. Verhältnismäßig hohe Todeszahlen. Knallharte Regeln, gestaffelt nach Erfolgsaussichten: Intensivstation nur unter 80, mit einer Vorerkrankung unter 70, mit zwei Vorerkrankungen unter 60. In Deutschland gibt es unterschiedliche Zahlen über den Erfolg von Beatmung. Aus Italien stammt eine Vermutung, dass evtl. zu früh beatmet wird und die Leute dann genau deswegen sterben.

 

Aufgrund unserer guten medizinischen Versorgung und der derzeitigen konsequent hygienischen Vorsicht gibt es endlos viele Einschränkungen, die dann endlos viele andere Probleme nach sich ziehen. Absolutes Besuchsverbot in Pflegeheimen, Schließung von Tagespflegestätten und Behinderteneinrichtungen, fehlende Sterbebegleitung, andere medizinische Versorgung nur für die dringenden Fälle – prophylaktische Hygiene steht absolut an erster Stelle. Wer dement ist, versteht das gar nicht. Wie geht es wieder raus aus diesem Teufelskreis? Ich erinnere mich an meinen Vater, der mit seinem jahrelangen Dasein als häuslicher Pflegefall bei gutem Verstand sehr gehadert und auf ein baldiges Herzversagen gehofft hatte. Heute hätte er sich vielleicht das Coronavirus gewünscht.



Montag, 27. April

Nach einem wieder sonnigen Wochenende etwas Regen und die Möglichkeit, ein Haushaltswarengeschäft zu betreten. Einkaufserlebnis der besonderen Art. Die Kassiererinnen hinter den Plexiglas-Spuckschutzwänden müssen jetzt auch Mund-Nasen-Schutz tragen. 3-fach-Schutz durch Maske-Wand-Maske. Der perfekte Werbe-Spot. Zu Ihrer Sicherheit. Mit passendem Halstuch. Zufällig an dem Tag, an dem in unserer Region erstmals kein einziger Fall gemeldet wurde. Hat natürlich nichts miteinander zu tun, der Landrat mahnt verständlicherweise zur weiteren Vorsicht. Maskenpflicht als Solidarität mit den Großstadtbewohnern in der U-Bahn und engen Innenstadtgeschäften. Ich kaufe ein paar Ersatzteile, die ich wirklich brauche – unnötiger Konsum erledigt sich mit Maskenpflicht von selbst. Ob die Läden so überleben können? Nach und nach, in kleinen Schritten, wie nach einer Blinddarmoperation. Wir müssen Geduld haben. Schließlich muss alles genaustens behördlich genehmigt werden. Schon längst habe ich ein neues Konzept für meinen Chor: Probenort Kirche, Platz genug, Hygiene durch großen Abstand, fördert das selbständige Singen. Erst mal was Einfacheres. Wird schon werden. Leider ist so etwas bislang noch kein triftiger Grund. Unsere ursprüngliche Veranstaltung habe ich geistig schon auf 2022 verlegt – zur Not in einer großen Halle mit verteiltem Publikum auf Einzelstühlen mit ausreichend Abstand.

 

Leute, die sich schon durch längere schwere Krankheiten gekämpft haben, können von ihrer Erfahrung zehren, was an Einschränkungen alles leistbar ist. Sie wissen bereits, dass sie das schaffen. Wer schon länger panische Angst vor Infektionen hat, muss sich nicht mehr so stark umstellen und ist bereits gewöhnt, sich nicht ins Gesicht zu fassen. Ich selbst tue mir damit echt schwer und müsste theoretisch schon längst total krank sein.

Dienstag, 28. April

Endlich stehen die Kinder in den Medien vermehrt auf der Tagesordnung. In Spanien dürfen sie erst jetzt wieder überhaupt auf die Straße, mit einem Erwachsenen und höchstens einem Spielgerät. Nicht mit anderen Kindern spielen! Kollektives Krankenhaustrauma für eine ganze Generation. Auch bei uns sind immer noch die Spielplätze gesperrt und die Kinder auf ihre Eltern angewiesen, ob die sie zum Radfahren, Spazierengehen oder gar so langweiligen Sportarten wie Joggen oder Walken motivieren können.

 

Der triftige Grund wird von der bayerischen Regierung um eine weitere Woche verlängert. Immer noch kein Musik-Einzelunterricht außerhalb der Schülerwohnung, kein Besuch von Leuten, die auch schon wochenlang Kontakte meiden, kein Kleingruppentreffen in einem größeren Raum, alles nicht relevant genug. Aber ein Online-Friseurtermin im Mai. Zahnarztfeeling garantiert ohne Spritze, da hüpft die Seele. Ich fürchte schon jetzt meinen Anblick im Spiegel.

 



Mittwoch, 29. April

Gottesdienste mit strengem Hygienekonzept werden in Bayern bald wieder erlaubt. Maskenpflicht, 2 m Mindestabstand, kein Gemeindegesang, keine Blasinstrumente. Die Risikogruppe soll sich sicher fühlen, schließlich wurde das vorherige Verbot mit dem Gesundheitsschutz begründet. Im Fernsehen wird ein Pfarrgemeinderat interviewt, der sich darüber gar nicht freuen kann, sondern schon jetzt total Angst vor solchen Veranstaltungen hat und das Ganze lebensgefährlich findet.

 

Mittlerweile bin ich schon richtig süchtig nach der täglichen Talkshow, weil ich unbedingt die Hintergründe unseres ausgangsbeschränkten Daseins verstehen will. Infolgedessen ist meine Stimmung von den tagesaktuellen Gästen und dem gerade angesagten Angstpegel abhängig. Da gibt es sichtlich schon Dauerabonnements, gefühlt mindestens einmal die Woche, Variationen durch unterschiedliche Zusammensetzung. Fast immer sind die Männer in der Mehrheit: Politiker, Epidemiologen, andere Wissenschaftler oder Journalisten, hin und wieder betroffene Bürger oder Vertreter von Verbänden. Einzelne werden zugeschaltet, zur Not eine Wissenschaftsjournalistin als Quotenfrau. Mittwochs gibt es zwei Gesprächsrunden gleichzeitig und ich kann auswählen. Bei „Maischberger“ spricht dann endlich sogar ein Epidemiologe relativ entspannt von mehr Eigenverantwortung sowie einem Restrisiko des Lebens und damit mir voll aus der Seele – obwohl mein Mann Risiko-Person ist.

Donnerstag, 30. April

Wochenmarkt, wegen dem folgendem Feiertag schon heute und – voll im Trend – mit neuem städtischem Maskengebot auch für die Kunden. Es könnte möglicherweise besonders voll werden. Die meisten halten sich brav daran, ich nur teilweise, zwischendrin brauche ich frische Luft. Ich bin wirklich dankbar, nicht mit so einer Maske viele Stunden lang arbeiten zu müssen. Der Markt kommt mir leerer vor als in den letzten Wochen – vielleicht liegt es aber auch an den vermehrten grauen Wolken. Ich halte lieber weiter weg von den Ständen mit Abstand von Angesicht zu Angesicht einen kleinen Schwatz, wenn ich Bekannte treffe.

Kinder sind endlich Thema der Woche. Ein Schulleiter fordert zu Recht einen großen Gestaltungsfreiraum der einzelnen Schulen, weil vor Ort die Verhältnisse am besten beurteilt werden können. Behörden sind hierarchisch organisiert und damit äußerst unflexibel, machen theoretische Vorgaben ohne konkrete Vorstellung von den Möglichkeiten zur Umsetzung. Erfahrungswerte sind sowieso nirgends vorhanden. Aber plötzlich das: Der bayerische Landesvater spricht von so etwas Unbürokratischem wie privat organisierten Eltern-Kind-Gruppen. Behördlich genehmigter triftiger Grund? Quarantänegemeinschaft? Diese Idee hätte ich schon vor der Ausgangsbeschränkung gehabt, als wir in unserer Familie darüber diskutiert haben, mit wem der Enkel spielen darf. Schließlich habe ich so vor Jahren meine eigene Berufstätigkeit ohne staatliche Kinderbetreuung selbst organisiert. Aber mich hat ja wieder niemand gefragt.



Freitag, 1. Mai

 

Gewerkschaftsdemo im Internet, Live-Stream, wie vor einer Woche mit den Fridays For Future, Versammlung im Krisenmodus, besser als nichts, zumindest Fernsehmeldungen werden dann kommen. Forderungen und Arbeit für die Gewerkschaften gibt es sowieso genug. Allerdings kann ich mich für all diese Aktionen im Internet nicht wirklich erwärmen, mache nebenher etwas anderes und komme mir ein bisschen vor wie früher in der Schule, wenn ich nicht aufgepasst und heimlich anderes gelesen habe. Die Grünen haben sogar einen kleinen Parteitag als Online-Veranstaltung organisiert. Zum Glück bin ich keine Delegierte und kann mit gutem Gewissen schwänzen. Das Wichtigste erfahre ich dann noch früh genug durch die verschiedenen Medien, die mein Leben derzeit permanent bestimmen. Dort wird ein paar Tage später festgestellt, dass der Charme einer Live-Veranstaltung gefehlt hat.

 

Samstag, 2. Mai

 

Ein Arzt im Bekanntenkreis erinnert an die Todesopfer infolge von multiresistenten Krankenhaus-Keimen. Krankenhaushygiene ist eine eigene Wissenschaft und jetzt mit den sich ständig ausweitenden hygienischen Vorsichtsmaßnahmen voll im Alltag angekommen. Händedesinfektion schon vor dem Baumarkt, überall sind Einmalhandschuhe zu sehen, egal um welche Waren es sich handelt. Ich fühle meine schon ohne Desinfektion zu trockenen Hände und fange bereits beim Gedanken an Handschuhe und Masken an zu schwitzen. War da nicht was mit dem natürlichen Schutzfilm der Haut? Auch von virologisch-epidemiologisch-wissenschaftlicher Seite höre ich immer wieder, dass Schmierinfektionen etwas anderes sind als Tröpfcheninfektionen und in Bezug auf dieses Virus eher zu vernachlässigen. Händewaschen bzw. das Sich-nicht-ins-Gesicht-Fassen sollte genügen. Desinfektion in Slums, in denen es kein Wasser gibt, macht sicher Sinn, es gibt jede Menge gefährlicher Keime. Aber bei uns im Land der reichlichen Wasserhähne und Klopapier-Hamsterer? Übertriebener Aktionismus? Was soll ich glauben? Muss ich ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich nicht stündlich gründlichst meine Hände wasche, wenn ich der Ansicht bin, dass die Keime in meinem Schal bereits die meinen sind und mein Körper diese bereits irgendwie bearbeitet? Auch ich habe schon eine Flasche Desinfektionsmittel gekauft, als es so etwas wieder gab. Diese möchte ich sozusagen als Grundausstattung einer Verantwortlichen zum Chor mitnehmen, wenn wir wieder singen dürfen. Aber das wird wegen der gefürchteten Aerosole wohl noch länger dauern.



Montag, 4. Mai

Wir hatten Besuch zur Hilfe, schließlich sind wir schon alt und Risikogruppe. IT-mäßig haben wir jetzt mal den Sohn gebraucht, medizinischen Rat seiner Verlobten auch, vor allem, damit sie einen triftigen Grund zum Kommen haben. Grillen bei mäßigen Temperaturen, endlich mal wieder live sprechen, beieinander sein, Knuddelverbot, Abstand halten. Ich erfahre Näheres von der Zeit im Krankenhaus, in der der befürchtete Notstand vorbereitet wurde. Erwartung der Apokalypse, so wie im Elsass. Medizinisches Personal hätte behördlich anmelden müssen, wenn es selbst zum Einkaufen geht. Alle zwei Tage ein neues Konzept. Viel Arbeit, die sich anschließend als überflüssig herausgestellt hat. Stattdessen Abbau von Überstunden und liegengebliebener Schreibarbeit. Mehr Freizeit als unter normalen Umständen. Mittlerweile wird schon nach den Patienten gesucht, die zur ursprünglich geplanten Operation überhaupt noch bereit sind. Schließlich muss wieder Geld in die Kasse.

 

Bei den Wirten der abgesagten Dult muss auch Geld in die Kasse. Ein Konzept mit Bild in der Zeitung ist ein Drive-In im Bierzelt mit Steckerlfisch to go. So ein Erfolg, dass sogar ein Autostau von bis zu zwei Stunden in Kauf genommen wurde. Mit Benzin- oder doch lieber Dieselaroma? Eine völlig neue Welt: Volksfeststimmung der höchsten Sicherheitsstufe zwischen Handbremse und Seitenspiegel.

Dienstag, 5. Mai

 

Vormittags ein wenig Lächeln im ernsten Gesicht des Robert-Koch-Instituts. Die gesetzten Ziele sind bisher eigentlich alle erreicht worden. Stetig fallende Infektions-Zahlen, genügend Reserven im Gesundheitssystem. Die Situation muss aber weiter unter Kontrolle bleiben. Es könnte weitere Wellen geben. Vorsichtig bleiben. Mittags Pressekonferenz der bayerischen Landesregierung. Eilmeldung in der Tagesschau-App: nur noch 13 Tage bis zur Öffnung von Biergärten. Berechtigte Aussichten auf Steckerlfisch vor Ort. Da hüpft die Seele. Kein triftiger Grund mehr. Geschafft, wie damals die Führerscheinprüfung. Endlich wieder einfach so Verwandte besuchen dürfen und mit Kindern auf einen Spielplatz. Ab nächste Woche auch wieder Musik-Einzelunterricht, selbstverständlich mit Abstand und Hygienekonzept. Diesbezüglich gibt es jede Menge Anregungen in Geschäften: Klammern mit Kundennummern, frisch desinfizierte Kugelschreiber für die Scheckkarte, extra Behälter für berührte Gegenstände. Experten befürchten eine Zunahme von Zwangsstörungen und sprechen mir damit direkt aus der Seele. Wie lange wird dieser krankenhausmäßige Desinfektionspegel im Alltag anhalten? Kann das langfristig gut gehen? Egal. Nach einem Steckerlfisch habe auch ich mir schon immer gerne die Hände gewaschen.



Fortsetzung folgt