CORONA-TAGEBUCH 2020 TEIL 3

Was jetzt normal ist


OsterSonntag, 12. April

Osterfrühstück zu zweit. Oster-Stimmung? Was ist das eigentlich?

Konspiratives Zu-zweit-Wandern-ohne-ÖPNV mit der allein lebenden Freundin, die nicht gerne alleine spazieren geht. Getrennte Anfahrt, Sicherheitsabstand. Auf einem geteerten

Weg begegnet uns ein Polizeiauto, wir lassen es zwischen uns durchfahren und sind erleichtert, dass es nicht angehalten hat. Was hätten wir gesagt? Triftiger Grund? Zufällige Begegnung?


osterMontag, 13. April

Viele aus der älteren Generation genießen am derzeitige Leben, dass sich niemand für Rückzug und Entschleunigung rechtfertigen muss. Ich bekomme nach dem Versenden des zweiten Tagebuch-Teils jede Menge Ostergrüße, weitere Ermunterungen zum

Weiterschreiben und Berichte, wie es anderen geht.

Eine verfasst derzeit ihre Erinnerungen an ihr Musikerinnen-Leben, die andere ist stolz auf ihren Arzt-Sohn, weil er sie noch früher als die Regierung auf den Ernst der Lage hingewiesen hat. 

Ich erfahre vom gefühlsmäßigen Deja-vus im Vergleich zu Tschernobyl bzw. einer schlimmen persönlichen Diagnose, aber auch von einem Großvater mit diversen Vorerkrankungen, der sich über Haus, Garten und die abgesagten Arzttermine freut.

Leute, die gerade Kinder und Job in Einklang bringen müssen, haben eher keine Zeit zum Lesen und Schreiben. Telefonieren? Ist auch als Sport mit dem Fahrrad zum Zaun- Gespräch möglich. Die Kinder sind immer da, es geht so einigermaßen, die 4-Jährige spielt

mit ihrer Freundin übers Tablet! Was alles digital geht. Aber wie lange muss das noch so gehen? Kinder auf Abstand halten?

Ich habe die Ehre, eine ausgiebige E-Mail-Diskussion von Medizinern zu verfolgen. Es geht um die Sicht einer Psychologin, die die verstärkenden Folgen des derzeitigen Shut-Down

für bereits traumatisierte Menschen in den Mittelpunkt stellt. Jetzt wäre ein Patentrezept recht.

Hohe Anspannung vor der Verkündung unserer Regierung, wie es ordnungspolitisch weitergeht.

 



Dienstag, 14. April

 

Hochoffizielle Empfehlungen der Leopoldina-Wissenschaftler bestätigen mein Gefühl, dass Schulöffnungen das Dringendste sind. Ebenso wenig überrascht die Empfehlung für eine

Mund-Nasen-Schutz-Pflicht in öffentlichen Verkehrsmitteln und die Feststellung, dass Großveranstaltungen als Letztes anstehen. Ich hätte sogar noch ein paar Ideen mehr – warum bin nicht ich in einem Krisenstab und kann mit entscheiden, wo‘s langgeht?

 

Stattdessen probiere ich verschiedene Bankräuber-Outfits für den Sommer aus. Seidentuch? Wärmt auch noch den Ausschnitt. Doch eine Maske aus alten Stofftaschentüchern? Ich überdenke Trocknungseigenschaften, überprüfe meinen Gummiband-Vorrat.

Mittwoch, 15. April

Wie kann ich nach den Ferien ein Chorsingen „auf Abstand“ hinkriegen? Was ist nächste Woche erlaubt? Wie weit kann ich mit einer kreativen Auslegung von Regeln gehen? Ich könnte in der Kirche singen und meine Chorfrauen darüber informieren, dass die Türe offen ist. Dummerweise fehlt hier der triftige Grund. Doch ein Treffen im Freien, konspirativer Abendspaziergang? Die Alpennähe hat hier eindeutige Nachteile, aus anderen Bundesländern habe ich solche Treffen auf Abstand schon im Fernsehen gesehen, hat

mich sehr inspiriert. War allerdings nicht das Bayerische Fernsehen. Öffentlich-rechtliche Medien sind äußerst systemrelevant und haben auch die Aufgabe, für die Aufrechterhaltung der öffentliche Ordnung mit zu sorgen. Deshalb wird hier regelmäßig von Intensivstationen berichtet – der Angstpegel der Bevölkerung muss schließlich in Einklang mit der gerade geltenden öffentlichen Ordnung stehen.

In Dänemark werden KiTas mit höchsten hygienischen Standards wiedereröffnet. Alle zwei Stunden muss ordentlich desinfiziert werden. Wie war das mit den Allergien und zu viel

Hygiene? Meine Idee wäre: Waldkindergarten für alle. Und: Desinfektionsmittelspender auf jeden wiedereröffneten Spielplatz, Service analog zu den Hundetüten. Warum bin nicht ich

 

in einem Krisenstab?



Donnerstag, 16. April

Die Regierung hat entschieden, das neue Zauberwort heißt „Hygiene-Konzept“. Öffnung in kleinen Schritten – schließlich müssen die ganzen Konzepte überprüft und kontrolliert werden. Das geht in und mit einer Behörde nicht so einfach von heute auf morgen. Ich erinnere mich an die Grundidee bei der Privatisierung öffentlicher Aufgaben, dass statt der Schwerfälligkeit im öffentlichen Dienst die Effektivität der Privatwirtschaft genutzt werden sollte. Geschäftsinhaber und Fitnessstudio-Betreiber haben vermutlich in den letzten Wochen ohne behördliche Anordnung jede Menge Hygiene-Konzepte erstellt. Was hätten sie sonst tun sollen? Urlaub machen? - Ich erfahre, dass Privat-Musikunterricht von Soloselbständigen eine Dienstleistung, deshalb jederzeit erlaubt und ein triftiger Grund ist. Juhu, da hüpft die Seele. Aber nur als Hausbesuch. Die Schüler haben keinen triftigen Grund und dürfen nicht woanders hin. Ab Montag wird auch in Bayern das Zu-zweit-Wandern-ohne-ÖPNV offiziell gestattet, ebenso wie Pflanzenkauf in einem richtigen Geschäft. Außerdem werden Gottesdienste im Mai für möglich gehalten. Dann könnte ich wenigstens in der Kirche endlich wieder mit meinem Chor singen. Da hüpft die Seele gleich nochmal.

 

In der Zeitung steht, wie streng in anderen Ländern Ausgangssperren gehandhabt werden. Hoher Angstpegel auch noch vor der Polizei, Viren alleine reichen nicht. Misstrauen jeder

 

gegen jeden. In manchen Ländern gehört das schon immer zum Alltag. Allerdings ist auch hier dieses Grundgefühl mittlerweile allgegenwärtig. Eine Mutter berichtet mir, dass sie sich mit Kinderwagen auf der Straße selbst beim Weg zum Bäcker nur noch von solchen Blicken umgeben fühlt und lieber auf frische Semmeln verzichtet. 

Mit ausgesuchten Talkshowgästen stimmt uns das Fernsehen darauf ein, dass unsere „neue Normalität“ noch sehr lange anhalten kann. Mein Sohn hat sich frühzeitig mit dem Thema intensiv beschäftigt und ist Home-Office schon länger gewöhnt. Er wünscht sich mittlerweile statt endloser medialer Debatten über die richtige Strategie Ferien, nach denen es konkret Neues gibt, was die Forschung geforscht und die Obrigkeit entschieden hat. Ob so etwas möglich ist? Sich den Debatten entziehen?

 

In der Zeitung steht, dass das meiste, was vorher zu befürchten war, irgendwann früher oder später wirklich eintritt: mehr häusliche Gewalt, Einsamkeit und wirtschaftliche Abgründe, von der Situation in südlicheren Ländern ganz zu schweigen.

 

Freitag, 17. April

Gesichtsmasken auf der Straße kennen wir von Fernsehbildern aus Asien. Teilweise werden sie wegen der Luftverschmutzung getragen und – aus asiatischer Höflichkeit – wohl auch von erkälteten Menschen. Bilder von Smog und Maskierten lösen bei mir immer schon geistig Atemnot aus und ich hatte keinerlei Bedürfnis dorthin zu reisen. Jetzt gilt auch hier jede Person als potentielle Virenschleuder. Angst und Misstrauen kontrollieren unser Leben. Unbeschwertheit gibt es nur alleine oder zu zweit in der Landschaft. Und das noch viele Monate.

 

Eine Mail vom Kultusminister höchstpersönlich, er bedankt sich bei den Lehrkräften für das große Engagement und die reichlichen Ersatzleute für das Gesundheitsamt. Ein Teil meiner Schülerinnen antwortet fristgerecht auf meine E-Mail und berichtet mehr oder weniger ausführlich. Mir wird deutlich, dass den meisten die konkrete Ansage, die persönliche Ansprache, unterstützender Unterricht und ein klarer Prüfungstermin fehlen. Einigen

antworte ich ausführlich, hoffe, dass das was hilft und kündige eine Telefonsprechstunde nach den Ferien an. Datenschutz hin oder her, egal, es braucht den persönlichen Kontakt. Wenn dies von Schülerseite überhaupt gewünscht wird.



Samstag, 18. April

Videokonferenz statt politischem Treffen. Ich habe noch kein Headset – so etwas ist derzeit so gut wie ausverkauft, der Absatz stieg in den letzten Wochen um mehr als 900 Prozent. Ich wechsle zwischen Computer, Smartphone und Telefon, so dass es einigermaßen funktioniert, finde das Ganze ziemlich anstrengend und bin froh, dass mich die anderen die meiste Zeit nur hören können. Andere sind professioneller ausgestattet und sehen teilweise ganz relaxt aus.

Sonntag, 19. April

Die Regierung rechnet mit dem Bedarf an Milliarden von Gesichtsmasken. Zahnarzt- Feeling ohne Ende. Ich stelle mir den ganzen Einweg-Müll als thermische Energie vor, als moderne Alternative zu Kochwäsche und täglichem Bügeln von selbstgenähten Modellen. Ökologischer Fußabdruck? Vermutlich egal. Wer denkt denn an so was? Sehnsüchtig erinnere ich mich an mein Hygiene-Konzept aus Pfadfinderzeiten, das derzeit rein gar

 

nichts mehr wert ist.



Montag, 20. April

Das zweite Zauberwort, das uns aus den Medien entgegenschallt, ist die „neue Normalität“. Doch was ist darunter zu verstehen? Je nach persönlicher Betroffenheit gibt es absolut unterschiedliche Angstpegel und Interpretationen, wie viel Misstrauen in die Bevölkerung notwendig ist und wer für wen Verantwortung trägt. Was lässt sich wie organisieren? Wie werden behördlicherseits Regeln definiert? Auch der Sommerurlaub ist Thema. Urlaub im eigenen Land kommt erstaunlicherweise nur am Rande vor. Die politischen Parteien schärfen ihr Profil, dafür wurden sie schließlich

gewählt. Freiheitsrechte. Wirtschaften auf mit Maskenpflicht – für die Angestellten oder auch die Kunden? Ich stelle mir den Erfolg verschleierter Frauen vor, die mit Videos ihre Restaurant-Besuchs-Tricks verraten. Lokale voller potentieller Bankräuber? Wie werden

überhaupt zur Zeit Ausweiskontrollen durchgeführt? Manchmal muss ich richtig nachdenken, ob ich jemanden mit Maske kennen und grüßen sollte oder nicht.

 

In der Zeitung werden schon die einzelnen südlichen Urlaubsländer und ihre Möglichkeiten analysiert. Wurden nicht vor Kurzem zigtausende Urlauber auf Kosten der Regierung nachhause geholt? In den Auslandsurlaub fliegen? Schon wieder Prämien für baldigen

Autokauf? Den versäumten Konsum von ein paar Wochen nachholen? Hier sind noch die Schulen zu und niemand darf zu einer kleinen Veranstaltung in die Kirche. Schulleitungen

 

haben immer noch keinerlei Anhaltspunkte für neue Regeln, um sinnvoll planen zu können.

Dienstag, 21. April

Vor dem wieder geöffneten Gartencenter gibt es erstaunlicherweise keine Warteschlange, sondern kostenlose Schutzmasken. Das Tragen derselben verkürzt den Einkauf, Sachen suchen und raus hier. Der Gegenwind beim Radfahren stärkt die Fitness, die

Geschwindigkeit spielt keine Rolle, ich habe Zeit.

Podcast mit wissenschaftlichen Informationen. Kinder werden zwar nicht besonders krank, sind aber Virusüberträger wie die Erwachsenen. Die Vorsicht und KiTa-Schließungen waren

also richtig. Erst mal. In der Talkshow am gestrigen Abend wurde hart und fair aufgezeigt, dass es unbedingt und bald neue Lösungen auch für die jüngeren Kinder geben muss. Bloß

welche? Da werden schon die ersten Golf- und Tennisplätze wieder geöffnet, aber Kinderspielplätze sind immer noch verbotenes Terrain. Außerdem ist es absolute Glückssache, wie viel Zeit und Nerven die jeweiligen Eltern für ihre Kinder aufbringen

können. Pausen sind dabei nicht vorgesehen, das wird manchen zu viel. Jobverlust? Unter dem Stichwort Betreuungsgeld werden dann – wie früher – immer wieder nur die Mütter erwähnt.



Mittwoch, 22. April

In der Krise geht es überall ans Eingemachte. Wer vorher privilegiert war, ist es jetzt besonders, wer vorher Mangel litt, tut dies nun umso mehr. Reine Glücksache. Das ist in unserer Gesellschaft so, das ist beim Blick auf die ganze Erde so. Hier gibt es im Frühling Trauben aus Indien für einen Spottpreis zu kaufen und die öffentlichen Verkehrsmittel fahren mit geringer Auslastung, was natürlich absolut fair für diejenigen ist, die darauf angewiesen sind. In Indien fahren dagegen keine öffentlichen Verkehrsmittel und an frische Trauben denken dort vermutlich die wenigsten. In Norwegen sollen auch schon Trauben gewachsen sein. Verkehrte Welt andersherum. Der Klimawandel lässt grüßen. Trauben

zählen auch nicht unbedingt zu den Grundnahrungsmitteln, die vielerorts schon nicht reichen. Der Entwicklungsminister sieht im Rahmen der Urlaubs-Diskussion vor allem die Abhängigkeit südlicher Länder und hat deshalb den Wunsch, dass dieses Geschäft möglichst schnell hygienisch durchorganisiert wieder aufgenommen werden kann. Immer weiter wie bisher? Wäre es nicht an der Zeit, eine andere Entwicklungshilfe, die die betroffenen Länder unabhängiger macht, zu leisten?

Die Sonne scheint weiterhin täglich, Spaziergänge, kleine Radtouren, entspanntes Kochen, meditative Gartenarbeit. Ab und zu eine Video- oder Telefonkonferenz. In gewisser Weise

bin ich erholt wie früher nach 6 Wochen Sommerferien kurz vor dem ersten Schultag. Würde mir echt wieder Spaß machen, wenn nicht die Vorerkrankungen meines Mannes und der vielfach vermittelte Angstpegel aus dem Fernsehen wäre.

Aus dem Schulportal erfahre ich mit einem behördlichen Schreiben, dass Lehrkräfte über 60 bei der geplanten geringeren Wiederaufnahme des Unterrichts erst einmal nicht für

Präsenz-Unterricht herangezogen werden sollen. Glück gehabt.

 

Donnerstag, 23. April

Könnte „Krisenmanagement“ ein neues Studienfach werden? Schnelle Anpassung an ungewöhnliche Bedingungen in jeder Lebenslage. Mittlerweile gibt es viele Seiten behördliche Richtlinien für die Wiederaufnahme von Unterricht in Abschlussklassen. Abstand, Einzeltische, Konzentration auf die Prüfungsvorbereitung, ausschließlich Frontalunterricht, keine Partner- und Gruppenarbeit, Disziplin in Hygiene und Pause. An alles muss gedacht werden. Gruppengröße maximal 15 Schüler. Was ist, wenn es 16 sind? Schulleiter sind so etwas gewöhnt, haben nur zu normalen Zeiten mehr Zeit zur Vorbereitung. Unser Chef ist gefasst. Wird schon gehen. Bei unserer Schule betrifft das fast die Hälfte der Klassen.

In der Zeitung lese ich mittlerweile auch im Wirtschaftsteil. Schon vor der Krise ging der Absatz von Autos, Fleisch und Milch zurück. Jetzt brechen die Absatzmärkte noch mehr weg. Preisverfall als Folge der Überproduktion. Milchpulver? Butterberge? Wohin damit? Im Fernsehen wird gezeigt, dass sich Bayern mittlerweile auf dem Weg zur Wüstenbildung befindet. In Afrika haben sich dagegen aufgrund des vermehrten Regens die Heuschrecken 20-fach vermehrt. Würde Milchpulver dort helfen?

 

Am Abend nach dem Fernsehkabarett der übliche Talk mit Politikern und Virologen über Kurven, Zahlen, Ziele, Forschungsergebnisse und vieles, was niemand gesichert weiß. Vielleicht wird es überhaupt keinen Impfstoff geben. Dann muss das Virus ausgetrocknet werden. Die Auswertung von Handydaten verrät, dass Mobilität schon wieder zunimmt. Nimmt Ansteckung dann automatisch auch zu? Kommt das Gesundheitsamt da mit? Das Landshuter Gesundheitsamt käme vermutlich locker mit, hatte zu jeder Zeit reichlich Reserve, das weiß ich sicher, schließlich bin ich seit Wochen bereit und werde bislang nicht gebraucht.



Fortsetzung folgt ...