Gedanken zur Zeit

Von Birgit Schönberger

12. Mai 2020


 

 „Damit das Mögliche entsteht,

muss immer wieder das Unmögliche versucht werden.“

 

Herrmann Hesse


Meine Gedanken haben nur indirekt mit dieser Epidemie zu tun:

Da die üblichen Gesprächskreise fehlen; Menschen also, mit denen der Gedankenaustausch

über den eigenen Tellerrand hinaushilft, gehen die Überlegungen mehr im eigenen Hirn spazieren. Schreibt man die Gedanken nieder, so dass andere sie lesen können, kann es verzögert auch so zu einem Austausch kommen. Das will ich versuchen.

 

Kurz vor dem Wechsel in ein neues Jahrtausend sitze ich am Klavier. Meine Kinder haben zu dem Zeitpunkt die Schule und auch die Musikschule bereits verlassen, ich hingegen trabe weiter ins Franziskanerkloster. Meine Hausaufgabe habe ich fehlerfrei vom Blatt gespielt – eine Seltenheit. Erwartungsvoll schaue ich auf meinen Lehrer. Er sagt ungerührt: „Das waren jetzt die Noten, und nun machen wir Musik.“ Nach spontaner Enttäuschung (also dem Ende einer Täuschung) auf meiner Seite wird mir klar, dass er mir mehr zutraut als das bloße Abspielen von Noten.

Ich lasse mich herausfordern, immer wieder, und lerne dazu.

 

Eine spätere Szene führt mir genau das Gegenteil vor Augen. Wieder Klavierstunde, wieder setze ich mein Spiel dem kritischen Ohr des Lehrers aus. Deutlich spüre ich, das war jetzt zwar Musik, doch er ist nicht wirklich zufrieden, lässt das Stück aber unkommentiert und widmet sich einem anderen Thema. Das kann man jetzt nicht beschönigen: Mehr ist aus mir nicht herauszuholen. Er weiß, dass ich hier an meine Grenzen gestoßen bin, noch bevor es mir selbst klarwerden muss. Dieses unkritische Geschehenlassen tut mehr weh als anhaltende Skepsis und fördernde Kritik.

Aber die Wahrheit ist eben nicht immer leicht zu akzeptieren.

 

Diese beiden Beispiele sind für mich wegweisend im Umgang mit anderen Menschen, z.B. mit den Teilnehmern meiner Gymnastikgruppe. Es handelt sich um Frauen ab der Lebensmitte, die zwischen In-Watte-gepackt-werden und Überforderung hin- und hergeworfen werden.

  

„Fördern durch Fordern“ muss auch im Alter die Devise bleiben

... ABER STETS IN DEN GRENZEN DER EIGENEN MÖGLICHKEITEN

Wenn man lehrend tätig ist, ist dies die spannendste Herausforderung: Mit gesundem Ehrgeiz aus unseren Mitmenschen herauskitzeln, was da so verborgen schlummert und gleichzeitig ehrlich sehen und aufzeigen, wo die individuellen Grenzen liegen. Das wäre auch mein Wunsch an alle Eltern im Umgang mit ihren Kindern, besonders jetzt, wo Familien so viel Nähe und Zeit miteinander erleben.

 

In besonderer Weise herausgefordert werden auch die Großeltern, die nicht mit Kindern und Enkeln einen Haushalt teilen. Sie werden ihre Enkel über Wochen nicht in die Arme schließen können. Da gibt es jetzt die Welle der über 80 jährigen, die sich am Rechner versucht, sich mit Mühe und Konzentration in die Welt des Internets einschleusen lässt.

Wir sollten unseren Hut vor ihnen ziehen. Für den Preis, den Kontakt zu Kindern und Enkeln auch in dieser Ausnahmesituation nicht zu verlieren, betreten sie noch einmal Neuland. Wie bald sie dort an ihre Grenzen stoßen müssen, hängt auch davon ab, mit wie viel Fingerspitzengefühl sie eingeführt werden.

 

 

Viele Erfolgserlebnisse für alle Beteiligten könnten wir auf der Habenseite dieser Krise verbuchen.

  

 

Birgit Schönberger